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der hebräischen Ursprache metrisch oder vielmehr rhythmisch gebunden, in der griechischen Übertragung der „Siebzig“, in welcher fie in den Gebrauch der Christenheit kamen, waren sie etwas von jenem völlig Verschiedenes, waren fie das, als was wir sie noch heute in der lateinischen übertragung der Vulgata und in den verschiedenen Verdeutschungen kennen. Es ist also kein Wunder, wenn die ersten praktischen Versuche der jungen Christengemeinden sich an dies seltsame Etwas anlehnten. Hymnen im vollen Sinne, den wir heute mit diesem Worte verbinden, treten in der lateinischen Kirche erst im vierten Sahrhunderte in die Erscheinung. Es wird uns das nicht überraschen, wenn wir bedenken, daß einmal die römische Kirche, so lange sie in die Katakomben gebannt war und den Kampf des Märtyrertumes fämpfte, wenig Veranlassung finden konnte, ihren Gottesdienst reicher und prunkvoller zu gestalten; wenn wir andererseits uns erinnern, daß die liturgische Sprache auch des Abendlandes Fahrhunderte lang nicht die lateinische, sondern die griechische war, ein Umstand, an den so viele griechische Kunstausdrücke der Liturgie, wie Evangelium, Homilie, Katechese, Eucharistie, Klerus, Diakon, das Kyrie, und alle die andern uns erinnern. Schrieben ja auch die ältesten Väter der abendländischen Kirche, ein Klemens, Justinus, Frenäus ihre Briefe und Werke nicht lateinisch, sondern griechisch. Scheint doch der erste christliche Schriftsteller, der sich überhaupt der lateinischen Sprache bediente, Tertullian gewesen zu sein; und auch er schrieb mehrere seiner Werke in beiden Sprachen.

Einen weiteren Grund werden wir jedenfalls nicht mit Unrecht aus dem römischen Nationalcharakter her: leiten, dessen trođene Herbigkeit wenig Verständnis und wenig Anlage für lyrische Dichtung verrät. Auch die heidnische Kunstpoesie hat nur wenige Lyriker und diese vermögen sich mit ihren griechischen Vorbildern in keiner Weise zu messen.

Hilarius. Der Hymnus der abendländischen Kirche ist für immer :nit dem unsterblichen Namen des Ambrosius verknüpft. Dennoch war nicht Ambrosius der erste Hymnendichter der Lateiner; er hatte einen großen Vorläufer, der indes wenig glücklich in seinen Bestrebungen war, fein Volk zum Hymnengesange zu erziehen. Dieser erste war der große Gegner des Arianismus im Abendlande, Hilarius, Bifchof von Poitiers. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts von vornehmen heidnischen Eltern geboren und in den schönwissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen gleichmäßig unterrichtet, gelangte er auf dem Wege der Spekulation zur Überzeugung von der Wahrheit des Christentums, ließ fich taufen und wurde schon bald (vor 355) durch Wahl des Klerus und Volkes zum Bischofe seiner Vaterstadt erforen. Als Vorkämpfer des nifänischen Bekenntnisses gegenüber dem mächtig um fich greifenden Arianismus im Frühjahre 356 vom Kaiser Konstantius nach Asien verbannt, weilte er vorzugsweise in Phrygien mit Ausbreitung und Vertiefung seines theologischen Wissens beschäftigt, wohnte 359 der Synode pon Seleucia in Ifaurien bei und ging als Abgesandter derselben an das kaiserliche Hoflager in Byzanz. Als „Aufwiegler des Morgenlandes" nach Gallien zurückverwiesen, gelangte er Anfang 360 über Italien wieder in die Heimat und verstarb zu Poitiers den 13. Januar (oder 1. November) 366.

Im Exile in Kleinasien verfaßte Hilarius nicht nur fein Hauptwerk „Zwölf Bücher von der hl. Dreifaltigkeit," sondern ward auch durch das Beispiel der Orientalen zur Abfassung von Hymnen angeregt. Nach Isidor

opranier

I

von Sevilla, dem Encyklopädisten der altchristlichen Wissenschaft, war Hilarius der erste lateinische Hymnen: dichter (hymnorum carmine floruit primus. De eccl. offic. I, 6). Nach dem hl. Hieronymus (De Viris illustr. c. 100) hätte Hilarius ein ganzes Buch der Hymnen“ verfaßt, hätte aber demselben Kirchenvater (In Galat. II. praef.) zufolge mit der Einführung des Kirchengefanges beim Volke kein Glück gehabt, da er selbst die Gallier als „ungelehrig im Hymnengesange“ bezeichne. Auch das vierte Konzil von Toledo (633) redet im 13. Kanon von Hymnen, welche die hochseligen Lehrer Hilarius und Ambrosius verfaßt haben.“ Das Hymnenbuch des Hilarius aber, von dem Hieronymus spricht, war und blieb verschollen. Da fand im Jahre 1887 3. F. Sammurini in der öffentlichen Bibliothek von Arezzo mit dem Traktate des Hilarius „de Mysteriis“ und einer Reisebeschreibung (Peregrinatio) einer Frau, in welcher er die hl. Silvia von Aquitanien vermutete, ein Bruchstück dieses Hymnenbuches, in dem uns leider nur drei Hymnen, und zwar keiner vollständig, erhalten sind. Sofort erhob sich in der Gelehrtenwelt Meinungsverschiedenheit betreffs der Authenticität dieser Hymnen; die einen verwarfen alle drei, andere zwei, wieder andere nur einen. Die Gründe aber, mit denen dieses Verwerfungsurteil motiviert wurde, waren in der Regel so problematischer Natur, daß man heute wohl sagen darf, die Hymnen von Arezzo haben sich behauptet.

Die Handschrift, in der dieselben sich finden, ist in longobardischer (casinensischer) Sdrift geschrieben und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach in Montecasino felbst und unter dem Abte Desiderius, der später (1086) als Viktor III. den päpstlichen Stuhl bestieg. Sie war das felbft 1532 noch vorhanden, kam aber später in die Montecasino aggregierte Abtei der HH. Flora und Lucilla

in Arezzo, wo sie 1788 Angelo di Costanzo, offenbar schon in dem heutigen verstümmelten Zustande fah. Von dort fam die Handschrift 1810 in die öffentliche Bibliothek von Arezzo (Bibliotheca della pia fraternita dei laici di Arezzo).

hinwet Von den drei verstümmelten Liedern, welche das verstümmelte Hymnenbuch jeßt noch enthält, sind die zwei ersten Abcdarien (d. h. jede Strophe beginnt mit einem Buchstaben des Alphabets). Der erste der Hymnen ist fast vollständig, reicht von A bis T; der zweite beginnt mit dem Buchstaben F und reicht bis Z; der dritte ist am Schlusse defekt und zählt neun ganze samt einer verstümmelten zehnten Strophe.

Es ift interessant zu beobachten, daß Hilarius an ben Anfang feines Hymnenbuches ein Lieb über eben jenes Geheimnis gestellt hat, welches, fozusagen, den Inhalt feines Lebens gebildet hat, über die Geburt des wesensgleichen Sohnes aus dem Vater, über den Kernund Brennpunkt des Nikänischen Bekenntnisses, dessen Verteidigung ihn Zeit seines bischöflichen Amtes beschäftigt, dessen Verteidigung ihn in die Verbannung nach Kleinasien geführt hatte. Das Versmaß des Liedes besteht aus Asklepiadeen, die mit glykonischen Versen wechseln; die Verskunst ist die metrische, erlaubt sich aber häufige und weitgehende Lizenzen. Dieser Hymnus, in dem wir mit Recht einen der Erstlinge der lateinischen Hymnodie erblicken, lautet im Versmaß des Originals verdeutscht:

Nr. 1.

Der vor jeglicher Zeit du warst,
Der, geboren von je, gleich du dem Vater bist,

Denn wie könnte er ohne dich
Vater nennen sich, wie heißen, was er nicht ist?

Zweimal warst du geboren uns,
Christ, entkeimend dem Šein dessen, der ewig war,

Wieder dann, da als Gott und Mensch
Dich der Mutter und Maið Heiliger Leib gebar.

Herr, dich bittet dein gläubig! Volt,
Fleht im Hymnengesang, biete das Ohr ihm dar,

Hör', was preisend dir singt und sagt
Jeglich' Alter dir, Herr, pirte, der Lämmerichar.

Daß du gnädig ihm bleibest, fleht,
Herr und Kč.rig, das Volt, das deines Namens Zier

Trägt, in dir es zum Vater ruft,
Daß du bleibest in ihm, daß es bleibe in dic.

Steines Menschen Verstand versteht,
Wie im Vater der Sohn innig verbunden wohnt,

Wie im Sohne der Vater ift,
Der gleichwesentlich ihm, mit ihm und in ihm thront.

Selig der, der im Glauben treu
Solch erhabenes Wort birgt in des Herzens Grund,

Glaubend, daß aus des Vaters Sein
Sproß der Sohn und als Wort floß von des Ew'gen Mund.

Großes sprechen wir stammelnd aus,
Wie du, heiliger Gott, alles, was in dir, hast,

Ad die ewige Herrlichkeit,
Ausgestrahlt in den Sohn, zeugend aus Licht den Glaft.

Einzig er ist die Güte selbst,
Der die Fülle des Seins neidlos vergab und mild.

Der sein eigenstes Selbst und Sein
Aus fich zeugte, sich selbst seßend, sein Werensbild.

Serrlich strahlet die Gottestraft,
Die zwar alles verschenkt, Wesen und Wesensart,

Und von allem doch nichts entbehrt,
Die, was immer sie gibt, alles zugleich bewahrt.

þerrlich strahlet der Gottesjohn,
Den die Füße des Lichts kleidet unwandelbar,

Keiner Gabe bedarf er, da
Von Geburt ja ihm ward alles, was Gottes war.

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