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lösen, die uns so gerne bei den innerlich unselbstständigen Hymnen der sog. Humanisten beschleichen. Dieses Lied darf in einer noch so kurzen Geschichte lateinischer Hymnendichtung nicht übergangen werden.

Nr. 15.

Daß von deinen Dienern dein Ruhm gesungen
Werde, löf, Johannes, das Band der Zungen,
Nimm die Sünde fort aus dem schuldbedeckten

Mund, dem befleckten!
Durch den Engel, der zu der Erde Gründen
Stieg herab, dem Vater dich zu verkünden,
Warð verheißen, was sich mit dir im Leben

Werde begeben.
Dieser, zweifelnd an der Verkündigung Wahrheit,
Ward bestraft durch Mangel an Redeklarheit;
Doch die Stummheit hat sich, da du geboren

Wurdest, verloren.

Schon im Mutterschoße hast du bernommen
Deinen Herrn, noch eh er zur Welt gekommen,
Den das Mutterpaar 'in des Herzens Drange

Pries im Gesange.

Dich zurück in Höhlen der Wildnis ziehend
Hast du, früh der Menschen Geselffchaft fliehend,
Štets dein Leben bewahrt vor dem, was schlechte

Nachrede brächte.

Kleidung beut des rauhen Kameels Behaarung
Und daš Lamm den Gürtel, es dient zur Nahrung
Honig samt Feuschrecken dir, auch das helle

Wasser der Quelle.

And're Seher schaueten nur von Ferne
Ahnungsvoll nach kommendem Morgensterne;
Du jedoch haft ihn, der die Welt entsündigt,

Náhe verkündigt.
Dreves, Die Kirche der Dateiner. (S. M.)

Heil'ger ward im Raum der Welt geboren
Niemand als Johannes, der auserkoren
Wurde, den zu taufen, der uns vom Bösen

Kam zu erlösen.

Welch ein Glück Ward, Herrlicher, dir gespendet!
Dir, der nie der Tugend fich abgewendet,
Müssen sich, o Wüstenbewohner, beugen

Seher und Zeugen!
Dreißigfacher Kranz wurde dem bescheret,
Jenem selbst die doppelte Zahl gewähret,
Fundertfält'ge Frucht die drei Kränze zeigen,

Welche dein eigen.

Jegt vom Herzen wälze uns ab durch deine
Hohe Tugend, Macht'ger, die schweren Steine,
Bahne uns die Stege und mach der Pfade

Krümmungen gerade!

Daß der Weltenschöpfer, der uns errettet,
Uns, wenn nicht die Sünde uns mehr umkettet,
Würdig find' zu lenten die heil'gen Schritte

In uns're Mitte.

Dich, o Gott, den loben des Himmels Chöre,
Dich, Dreifaltiger, bitten wir: D erhöre
Uns und allen, die du erlöst, verleihen

Wolle Verzeihen!

(2. D.)

Paulus Diakonus steht zeitlich Paulin von Aquileja (1 802) am nächsten. Auch seine Vaterstadt war aller Wahrscheinlichkeit nach Cividale, wo er „Lehrer der Grammatik" war, als er mit Karl dem Großen bekannt wurde, der ihn 776 mit einem Landsiße beschenkte und an seinen Hof zog. Im Jahre 787 zum Patriarchen von Aquileja ernannt, residierte er zu Cividale, begleitete 796 König Pipin in das Land der Avaren, beteiligte sich an den dogmatischen Fragen und Fehden der Zeit, namentlich an der gegen Felig von Urgel, und starb den 11. Januar 802. Alfuin, der ihn nur um zwei Fahre überlebte, dichtete ihm die Grabschrift. Von Walafrid Strabo erfahren wir, daß Paulin Hymnen verfaßte. Dieselben bewegen sich mit Vorliebe in jambischen Senaren und sind in der Regel länger, als man es an den lateinischen Hymnen gewohnt ist. Am bekanntesten und beliebtesten warð sein Lied auf die Apostelfürsten Petrus und Paulus mit dem Anfange Felix per omnes festum mundi cardines, von dem sich noch heute einige Trümmer im römischen Breviere vorfinden.

Auch Alkuin (804), der im Brennpunkte dieser ganzen Bewegung steht und zu den fruchtbarsten Dichtern der vorerwähnten Gruppe zählt, ist, was die Hymnendichtung angeht, nur mit ganz wenigen Nummern vertreten. Ja von Hymnen im strengsten Sinne des Wortes finden wir bei ihm nur zwei, den auf Vedastus und einen Abendhymnus.

Dasselbe gilt von Theodulph, Bifchof von Drléans. Gotischen Stammes, aus Septimanien oder Spanien stammend, spätetestens seit 788 Bischof von Orléans, Abt von Fleury-sur-Loire und Saint-Aignan, zum höfischen Gelehrtenkreise Karls des Großen zählend, war er einer der hervorragendsten unter den dichtenden Zeitgenossen. Im Jahre 798 vom Kaiser zum Missus dominicus"

“ ernannt, begleitete er Karl nach Rom, um mit ihm in der Streitsache des Papstes Leo und seiner Gegner zu entscheiden. Auch bei Karls Sohn und Nachfolger, Ludwig dem Frommen, stand Theodulph anfänglich in gleicher Gunst; 818 aber wurde er der Teilnahme an der Schilderhebung Bernhards, Königs von Italien, bezichtigt, sämtlicher Würden entseßt und wahrscheinlich zu Angers in einem Kloster gefangen gehalten, wo er 821, noch immer in Haft, verschieden sein soll. Andere verlegen

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den Ort seines Erils nach Le Mans, wieber andere lassen ihn, vom Kaiser rehabilitiert, auf der Rückreise nach Orléans verscheiden. In Angers habe Theodulph, so will es die heute als unhistorisch aufgegebene Legende, bei Anwesenheit des Kaisers die an seinem Gefängnisse vorbeiziehende Prozession mit einem von ihm improvisierten Hymnus, dem Gloria, laus et honor, begrüßt. Das Lied ist noch heute bei der Prozession des Palmsonntages in Gebrauch, wenn auch in abgekürzter Gestalt. Außerdem gehören einige Hymnen zur Begrüßung des Königs (In Adventu Regis) in das Gebiet des kirchlichen Liedes.

Zu diesem Dichterkreise können wir auch den Diakon der Lyoner Kirche Florus sowie den Lütticher Scholas stikus Sedulius Scottus zählen. Von ersterem, der um die Mitte des 9. Jahrhunderts blühte, besigen wir einige Hymnen im elegischen und einige Psalmenumschreibungen im heroischen Versmaße; eine Psalmenparaphase, die des 27. Psalmes, ist in jambischen Dimetern geschrieben. Noch weniger ist es, was wir aus den Dichtungen des zweiten, der, irischer Abkunft, bei Bischof Hartgar von Lüttich Aufnahme und eine neue Heimat gefunden hatte, in die Hymnenliteratur einbeziehen können.

Neben diesen mehr oder minder höfischen" Dichterfreis der frühen Karolingerzeit stellt fich in der späteren die „Sängerschule von St. Gallen". Verbunden werden die beiden Kreise durch Rabanus Maurus, der ein Schüler Alkuins war, und Walafrid Strabo, der aus St. Gallen zu Raban nach Fuld fam, um später Abt der Reichenau zu werden. Von den beiden ist der jüngere Walafrið der bessere und sorgfältigere Hymnen-Dichter, Raban der produktivere.

Raban oder, wie er selbst fich zu schreiben pflegt, Hraban, wurde zu Mainz, glaublich um das Jahr 776

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geboren und ward unter Abt Baugulf von Fuld (780—802) in die dortige Klosterschule aufgenommen. Schon 801 zum Diakon ordiniert wurde er von Baugulfs Nachfolger Ratgar nach Tours zu Alkuin gesandt, dessen eregetischen, moralphilosophischen und humanistischen Vorlesungen er folgte. Alkuin, mit dem ihn eine bleibende Freundschaft und später ein reger brieflicher Verkehr verband, gab ihm den Beinamen Maurus; das Prädikat Magnentius scheint er sich selbst beigelegt zu haben. Nach Fuld zurüdgekehrt, Iebte Raban an der dortigen Schule, bis er 822 nach dem Tode Eigils, der 817, kurz nach Rabans Priesterweihe Ratgar im Amte gefolgt war, zum Abt seines Klosters gekürt ward. Auch als solcher entsagte er nicht pöllig der gewohnten Lehrtätigkeit, ba in dieser Zeit Lupus, Walafried und Ottfried seine Schüler wurden. Aber schon 842 legte Raban die ihm lästige Würde nieder und zog sich auf den Petersberg bei Fulb zurück, um daselbst ausschließlich der Muße und den Musen zu leben, als ihn 847 die Wahl von Klerus und Volf auf den burch Otgars Tod erledigten Stuhl von Mainz erhob. Noch im ersten Jahre seiner Amtsführung berief er nach Mainz eine Synode, auf der unter anderm Gottschalk, einst in Fuld. sein Schüler, seiner, namentlich die Prädes stinationslehre berührenden Irrtümer wegen verurteilt wurde. Ein Achtziger starb Raban den 4. Februar 856.

Rabans Gedichte, vorab feine Hymnen, kennen wir zum großen Teile nur aus der Ausgabe Browers (Mainz 1617), der sie einer, wahrscheinlich aus dem Fuldaer Stifte stammenden Handschrift entnahm, von welcher fich nur ein kleiner Teil in einem Coder der Stiftsbibliothek zu Einsiedeln erhalten hat. Die Echtheit der von Browerus dem Raban zugeschriebenen Gedichte ist vielfach in Zweifel gezogen worden; ich habe dieselbe in einer eigenen Schrift „Hymnologische Studien zu Fortunatus und

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