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zehnten Fahrhunderts offenbart. Bei einzelnen Liebera
nennt das Akrostichon uns den Verfasser und weist so
die Dichtung einer bestimmten Zeit zu; die übrigen
könnte nur, mangels aller anderen Nachrichten und An-
haltspunkte, ein eingehendes Studium der sprachlichen
Eigentümlichkeiten in die vorerwähnten drei Gattungen
aufteilen. Im Verhältnis zur römischen Liturgie muß
die mozarabische als überaus reich an Hymnen gelten.
Eigentümlich sind ihr eine ganze Reihe von Hymnen für
besondere Ereignisse freudiger und unliebsamer Art, wie
Hymnen zur Bischofsweihe, für den Geburtstag des
Bischofes, für die Krönung des Königs, für seinen Ge-
burtstag, für Hochzeiter, für den Ausmarsch des Heeres,
für das Erntefest, für Trockenheit, für Wassersnot, für
Kriegsläufte usw. Als Beispiel eines folchen Liebes mag
hier der Hymnus Tristes nunc populi, ein Bitt-
gefang bei Kriegsgefahr, Platz finden.

Nr. 13.
Voller Inbrunst, o sieh, Christus Erlöser,
Fleht um Frieden dich an gläubiges Volk hier,
Sien die Tränen, den Schmerz, höre das Seufzen,
Send' der trauernden Schar Hilfe von oben.
Denn es drohet die Wut heidnischer Völker
Aus der Nähe, o sieh, unserem Lande,
Droht mit wildem Geheul, Wölfen vergleichbar,
Die schon Lämmer gervürgt, alles zu morden.
Wer wird Schuß uns verleih'n, wenn nicht du selber
Mitleidsvoll dich erbarmst, Schöpfer des Himmels,
Was verschuldet auch vom Menschengeschlechte,
Wend’ die Strafe von uns herbe Geprüften.
Schlug doch Abraham auch, weil du sein Schuß warst,
Einft der Könige fünf, Schöpfer des Weltaus,
Als die Feinde er mit wenigen Knechten
Übermannte und den Neffen befreite.

Hat doch Moses durchs Meer, dir nur vertrauend,
Trockenen Fußes geführt seine Getreuen,
Den nachstürmenden Feind haben die Wogen,
Die rückkehrenden, bald gänzlich begraben.
Als einst Gedeon mit dreihundert Männern
Sich geworfen auf die Amalekiter,
Deiner Hilfe allein gläubig vertrauend,
Hat vom foch er befreit Ffraels Völker.
Alles dieses getan hast du, Almächt'ger,
Dessen träftige pand wäget das Weltal,
Unser Heil ist in dir wie unser Rühmen,
Der du töteft, doch auch wiederbelebest.
Dein Erbarmen ist groß, größer, o Jeju,
Als die Menge der Schuld, die uns belastet,
Nie haft, Mildester du, reuvolle Herzen,
Nie Zerknirschte verschmäht wie die Gebeugten.
Die dein Tod hat erlöst, rette sie, Heiland,
Die um Frieden bei dir flehentlich bitten,
Brich die Lanzen, zerbrich alle Geschofie,
Seinen Schild brich entzwei jedem, der Krieg will.
Steiget himmelan nun, bittende Seufzer,
Tränenreicher Gefang, dring' durch die Wolfen,
Des bekümmerten Volks Stämme, o Heiland,
Hör' sie, Gütiger du, schenk ihm Erbarmen. (L. D.)

Als weitere Probe bieser, man darf wohl sagen, verschollenen Poesie reihe ich den Grabgesang Christe, rex, mundi creator an, der im Gegensaße zu bem vorigen die herbe und prägnante Kürze mancher dieser gotischen Lieder veranschaulicht.

Nr. 14.
Christe, König, Weltenschöpfer,

Heiland hehr und wunderbar,
Nimm in deiner großen Güte

Deines Volkes Bitten wahr,
Voller Inbrunft wir dich flehen,

Reich ein gnädig' Dhr uns dar.

Als besiegt bes Todes Fürften

Du mit hoher Macht zuvor, Fuhrest du zur Hölle nieder

und zerbrachst ihr ehern' Tor, Uus den Fesseln du von Eisen

löseft der Gefang'nen Chor.

Deinen Siegesgang verehrend

wir in Demut zu dir flehn, Laß die Toten ein zum Frieden,

laß sie ein zur Freude gehn, Laß gekrönt sie mit den Heilgen

zu des Vaters Rechten stehn.

Laß das Feuer sie nicht quälen,

nicht der Feriel herbes Leid, Nicht den Wurm, den grausen, wühlen,

durch ihr brennend' Eingeweid', Nein, in deiner Wonne laß sie

sich erfreu'n in Ewigkeit. Göchste Einheit, dies verleihe,

dies verleih, Dreifaltigkeit, Deren ew'gem Namen ewig

Höchste Ehre sei geweiht, Gott, der einig und dreifaltig,

du geherrscht vor aller Seit. (G. M. D.)

Die karolingische Renaissance.

Daß das politische Wachstum einer Nation in der Regel auch einen literarischen Aufschwung im Gefolge hat, dafür legt auch die Blüte des Frankenreiches unter den ersten Karolingern Zeugnis ab. Karl der Große war nicht nur Krieger, er war auch Mäcen, und so sehen wir die lateinische, noch immer nicht ganz erstorbene Kunstdichtung unter seiner Regierung einen Aufschwung nehmen, dem man mit Recht den Namen der ,,karolingischen Renaissance“ gegeben hat. Sonn- und Brennpunkt dieser Bestrebungen war die Palastschule Karls, an die er die hervorragendsten Gelehrten und Literaten zu fesseln verstand. Die drei stattlichen Bände der Monumenta Germaniae, welche die Dichter dieser Zeit in kritischen Ausgaben uns zugänglich gemacht haben, reden eine deutliche und vernehmliche Sprache von dieser literarischen Wiedergeburt. Dieselbe fam auch der Hymnendichtung zugute. Allerdings haben die Dichter, welche wir zum Kreise der Palastschule rechnen dürfen, nur verhältnismäßig wenige Hymnen gedichtet, wohl deshalb, weil für das liturgische Bedürfnis ausreichend gesorgt schien, und weil die Einführung der römischen Liturgie im Frankenreiche zunächst dem liturgischen Betätigungstriebe nicht günstig sein konnte. Dennoch haben die meisten derselben kleine Beiträge zu dem Hymnenschaße der Kirche geliefert.

So vor allem Paulus Diakonus. Edler Langobarbensippe entsprossen, die einst mit Alboin und Gisulf nach Italien gezogen, nannte er Cividale, wo er um das Jahr 730 das Licht der Welt erblicte, seine Vaterstadt. Erzogen zu Pavia an Ratchis' Hofe, kam er später zu Arichis nach Benevent und trat, wir wissen nicht in welchem Jahre, zu Montecasino in den Orden des hl. Benedikt. Im Jahre 782 begab er sich, für seinen im Langobardenaufstande gefangen genommenen Bruder die Gnade des Königs zu erwirfen, an das Hoflager Karls des Großen, der ihn längere Jahre (782-786) bei sich zurüchielt. Hier wurde er mit den verschiedensten Männern von Bedeutung bekannt und befreundet, am innigsten wohl mit Petrus Diakonus von Pisa. Ende 786 war er wieder in Montecasino, literarischem Schaffen hingegeben. In diese Zeit fällt die Abfassung jenes Werkes, mit dem vor allem die Unsterblichkeit seines Namens verknüpft ist, der Geschichte der Longobarden." Er

„“ starb den 13. April, wahrscheinlich 799. Wir besißen von Paulus Diakonus abgesehen von einem , Abendgebete“ in heroischem Versmaße nur drei Hymnen. Den ersten, der nach Gregor dem Großen die Wunder des hl. Benedikt in jambischen Dimetern aneinanderreiht, hat er selbst in seine Geschichte der Longobarden aufgenommen; ein anderer in alcäischen Versen geschriebener Hymnus feiert Maria, ohne auf deren Himmelfahrt, an welchem Feste er später in Gebrauch war, inhaltlich Bezug zu nehmen. Am berühmtesten ist mit Recht der Hymnus auf Johannes den Täufer geworden. In eleganten sapphischen Strophen besingt er in Versen, die von Geist und Stimmung getragen sind, den Sohn der Wüste, ohne im mindesten jene unsympathischen Gefühle auszu

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