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Im Ring der Zeit!

Neujahrsbetrachtung:
Es reden und träumen die Menschen viel unsrem Beiblatt „Schmuck und Mode“ neuen Zielen neue Bahnen
Von künftigen besseren Tagen,

eröffnet! Unsre künstlerischen und kunstgewerblichen Bestrebungen
Nach einem glücklichen, goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.

haben allseitige Anerkennung gefunden und die Beeinflussung der Die Welt wird alt und wird wieder jung, Modezeitungen zur Hebung des Schmucktragens, die auf dem VerDoch der Mensch hofft immer Verbesserung.

bandstage auch ventiliert wurde, soll nach wie vor von uns im (Schiller).

Auge behalten werden. Ja, wenn sie uns nicht bliebe, diese Hoffnung auf schönere Zu einer Regelung des Kreditwesens ist es auch im vorigen Zeiten, von welcher der Dichter singt, es würde uns manchmal eine Jahre nicht gekommen, soviel Vorschläge auch gemacht worden sind. Ermattung beschleichen und wir würden verzagt das Werkzeug aus Sobald die allgemeine Lage eine günstige geworden sein wird, der Hand legen. Aber diese Hoffnung hält uns bei Mut und Arbeits- werden sich auch die Erwerbsverhältnisse bessern und mit dieser freudigkeit, diese Hoffnung ist der stärkende Tropfen, der immer Besserung wird notgedrungen auch eine freiwillige „Regelung des von neuem unsren Geist erfrischt, unsre Seele belebt. Und wir Kreditwesens“ insofern eintreten, als der Zahlungsverkehr ein behoffen nicht umsonst! Es müssen bessere Tage auch für unser schleunigteres Tempo annehmen wird. Es wurde im verflossenen Gewerbe anbrechen. Hebt sich die allgemeine Lage, kommen Handel Jahre sehr Adagio gespielt und wir hoffen nunmehr auf ein Allegro ! und Industrie, wie es den Anschein hat, zu neuen Kräften, so ist Daß die Warenhäuser dem Goldschmiedegewerbe nach wie auch die Zeit nicht fern, wo man in unsrem Goldschmiedegewerbe vor hart zusetzen, ist eine betrübende Erscheinung. Aber der wieder seine „Hausse“ erleben wird.

Kampf gegen die Warenhäuser, so sehr wir ihn auch an sich billigen Vor einem Jahre klagte man noch über die Krisis und mit banger müssen, hat doch wenig Aussicht auf Erfolg! Wenn man in MittelSorge blickten wir in das neue Jahr 1903! Aber jetzt lauten die Nach- standskreisen geglaubt hatte, daß man durch die Warenhausbesteuerung richten anders und wir dürfen die Gläser anklingen lassen beim eine Besserung der Zustände herbeiführen werde, so war dies leider Einzug der „1904“. Die Eisenindustrie hat sich wie mit einem ein Irrtum. Die Warenhäuser haben diese Besteuerung ausgehalten, Zauberschlage gehoben, und neben dem rheinisch-westfälischen Berg ohne sich unter dieser Last zu beugen, und teilweise haben sie dieund Hüttenwesen erfreut sich auch das Textilgewerbe wieder eines selbe sogar auf andre Schultern abgewälzt. Viele Warenhäuser befriedigenderen Zustandes. Diese Erwerbszweige aber sind gewisser lassen sie sich nämlich von den kaufmännischen Vertretern bezahlen, maßen der Barometer der wirtschaftlichen Lage. Zeigen sie ,,Schön die mit ihnen Geschäfte machen wollen. So hat eben jedes GeWetter“ an, so gibts Sonnenschein! Die chemische Industrie und bäude sein Hinterpförtchen, durch das man im entscheidenden die Nahrungsmittelbranche sind überhaupt nur wenig berührt worden Moment entschlüpfen kann. Die Frage des Kampfes gegen die von der kritischen Lage, so daß der große Wirtschaftskörper als Schädigungen von Warenhäusern bleibt also noch eine offene für Rekonvaleszent hoffentlich jetzt seiner völligen Genesung entgegen- das nächste Jahr. Die Regierungen haben den Gewerbetreibenden geht. Die Zusammenbrüche der Banken haben den Geldmarkt von die Bildung von Einkaufsgenossenschaften in Vorschlag geeinzelnen unsoliden Erscheinungen befreit und sein Ansehen be- bracht und auch in den Kreisen der Goldschmiede ist man demfestigt. Wir dürfen hoffen! Wir stehen im Sternbilde einer Ent- selben schon näher getreten. Ob sich von ihm gerade auf unsrem wicklung nach aufwärts!

Arbeitsgebiete etwas Ersprießliches in dieser Hinsicht erzielen läßt, Das alte Jahr hat uns nicht vergönnt, die Waffe aus der Hand ist heute noch nicht zu übersehen. In anderen Branchen haben zu legen. Der deutsche Goldschmied hat weiterkämpfen müssen sich diese Genossenschaften segensreich erwiesen. Im übrigen um seine Interessen, und er wird in der Rüstung bleiben müssen darf der deutsche Goldschmied ja in der Hinsicht beruhigt sein. auch in den kommenden Tagen. Der Schwindelkonkurrenz ist sei- Er wird denjenigen Teil der Kundschaft nicht an das Warenhaus tens des Verbandes deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede verlieren, der bei einem Schmuckstück noch Wert auf die solide, energisch entgegengetreten worden und es war mancher schöne künstlerische Ausführung legt, die bei allen jenen Massenwaren der Erfolg auf diesem Gebiete zu verzeichnen. Unlauterer Wettbewerb, Bazare ins Hintertreffen gerät. Schwindel-Auktionen, Schein-Ausverkäufe, Gella-, Hydra-, Lawinen . . . . . Die Glocken haben ausgeklungen. . . . . . An aufrichtigen Manöver, Hausieren mit Goldwaren, namentlich auch in Kasernen, Wünschen für das neue Jahr hat es nicht gefehlt. Was wir den Detaillieren der Fabrikanten und Grossisten, Unterbieten im Preise usw. deutschen Goldschmieden wünschen? Das Selbstvertrauen! Mögen ... Das waren die Feinde, denen der Verband mutig entgegengetreten sie auch im kommenden Jahre rüstig weiterarbeiten an der Wohlist, und wir dürfen sagen, daß wir ihn dabei tatkräftig durch unsre fahrt ihrer Kunst, am Gedeihen ihres Gewerbes. Denn selbst ist „Goldschmiede-Zeitung“ unterstützt haben.

der Mann in unseren Tagen! Man darf nicht unausgesetzt nach Ein bedeutsames Ereignis war ohne Zweifel die Durchführung der Klinke der Gesetzgebung greifen und allen Segen von der Reder Besteck-Konvention, die auf dem Verbandstage in Köln, gierung erwarten. Aus eigner Kraft! Das ist ein schönes, stolzes der noch in aller Erinnerung stehen wird, unter Dach und Fach Wort und ehrt den, der es von sich mit Recht gebrauchen darf. gebracht wurde. Sie wird als eines der schönsten Ehrenzeichen Es gibt immer noch zu viel Laue in den Reihen der Goldschmiede. der Einigkeit im Gewerbe betrachtet werden können, und wer ihr Sonst müßte sich die Mitgliederzahl im Verbande noch bedeutend heute noch als Gegner begegnen sollte, der wird sich bald über- mehr gehoben haben. Wer für seinen Stand etwas erreichen will, zeugen, daß das, was geschaffen wurde, eine zwingende Notwendig der muß auch zu Opfern bereit sein, und der „Mann mit zugeknöpften keit war, wenn gerade diese Branche nicht tiefer und tiefer sinken Taschen“ darf nicht sagen, daß ihm sein Stand am Herzen liegt. sollte.

Es ist ein viel versprechender Anfang gemacht worden. Aber der Daß der Geist des modernen Lebens sich auch auf dem Ge Kampf um die Interessen der deutschen Goldschmiedekunst kostet biet von „Schmuck und Mode“ regt und um die Herrschaft kämpft, Mittel, und er ist aussichtslos, wenn mit diesen Mitteln gekargt fühlt man mehr und mehr. Unser Beiblatt „Schmuck und Mode“ wird. So darf beim Eintritt in ein neues Jahr wohl an die Fachhat sich diesem Vorstoß nicht verschlossen und wir hatten in Köln genossen der Ruf erklingen: Hand ans Werk! Kein Opfer gescheut! die Resultate eines Preisausschreibens ausgestellt, das die Ver

Fragend blicken wir wie in unbekanntes Land. ... Wer verwendung des Schmuckes auf dem Reformkostüm dartun sollte. War mag zu sagen, was in der dämmernden Ferne liegt? Wer hat den auch hier erst ein unsicheres Fühlen und Tasten bemerklich, so Schlüssel zu dem großen Rätsel der Zukunft? Kein Sterblicher zeigte sich doch dem scharfblickenden Auge, daß diese Frage eine lüftet den Schleier. Aber der Weise fragt auch nicht viel, sondern der wichtigsten der Zukunft ist, und so haben wir denn auch in schreitet mit Gottvertrauen vorwärts! Prosit Neujahr 1904!

Eine wichtige Gerichtsverhandlung wegen Verdachtes der Hehlerei.

Am 15. Dezember fand in Berlin eine Gerichtsverhandlung bei der 4. Strafkammer des Landgerichts I statt, welche insofern allgemeines Interesse hat, weil ein Verbandsmitglied, der Juwelier D., wegen Verdachtes der Hehlerei angeklagt war, und weil aus der Verhandlung hervorging, wie leicht Juweliere, die sich mit den Ankäufen von Gold- und Silbersachen und Edelsteinen befassen, hinreichend verdächtigt werden können, Hehlerei zu treiben.

Der Sachverhalt war folgender:

Ende November 1900 logierte im Kontinental-Hotel in Berlin ein höherer russischer Offizier, Niloff, mit einer Dame. Diese besaß ein Perlenkollier, welches ihr von dem Kaufmann von Jarnutowski aus dem Hotelzimmer gestohlen wurde. Bei der Polizei wurde angegeben, daß der Wert des Kolliers sich auf 40000 Mark belaufe. Nach den Aussagen des Kriminalkommissars Wehn ist einige Tage später allen Juwelieren Mitteilung von dem Diebstahl gemacht worden und zwar, wie besonders hervorgehoben wurde, durch ein Extrablatt. Trotz dieser Polizeilichen Maßnahmen versuchte der Dieb mit Hilfe des mitangeklagten Weinreisenden von Domarus und einem Artisten Ertel in der denkbar ungeniertesten Weise einen Teil des Kolliers zu veräußern. Das Perlenkollier soll aus 42 Perlen bestanden haben, das Schloß wurde in einem Berliner Café verkauft, mit 24 Perlen begaben sich von Domarus und Ertel zu dem Uhrmacher Fischer und einem Pfandleiher und schließlich zu dem Juwelier D., um dieselben zum Kauf anzubieten. Dem Juwelier D. war von Domarus seit vielen Jahren als Kunde bekannt, und da derselbe bei ihm stets gegen bar gekauft hatte, sein Auftreten nach jeder Richtung hin einwandfrei war, so trug er kein Bedenken, dem Kauf dieser 24 Perlen näherzutreten. Schließlich machte er sich noch über den ihm vorgestellten Ertel genaue Aufzeichnungen aus der Legitimation. Juwelier D., der sich über Perlen kein besonderes Urteil zutraute, erklärte den beiden, daß er die 24 Perlen auf einen Tag mindestens im Hause behalten müsse, um sich über den Wert der Perlen zu orientieren. Bereitwillig wurde diesem Ansinnen zugestimmt. Juwelier D. ließ die Perlen bei Sachverständigen auf den Wert taxieren, und da ihm derselbe auf etwa 1000 Mark angegeben wurde, zahlte er am nächsten Abend dem von Domarus und Ertel den Preis von 625 Mark.

Als nach etwa drei Jahren der Dieb des Kolliers, von Jarnutowski, verhaftet wurde, wurden Erhebungen angestellt, die sich auch auf den Juwelier D. erstreckten. Dieser, welcher sich nach drei Jahren nicht mehr auf den Vorfall genau besinnen konnte, gab dennoch zu Protokoll, daß ihm erinnerlich, daß er damals einen Teil Perlen für 300 Mark etwa gekauft habe, erklärte aber ausdrücklich, daß ihm die näheren Angaben völlig entfallen seien und er eine sachliche Aufklärung nur dann geben könne, wenn er seine Geschäftsbücher zu Rate zieht. Nach Einsicht der Bücher gab er dem untersuchungsführenden Kriminalkommissar den Preis auf 625 Mark richtig an. Alle Momente, die für ein legales Geschäft sprechen, waren erfüllt; nämlich gehörige Legitimation der Verkäufer, und Kauf zu angemessenem Preis. Trotz alledem erfolgte wegen Verdachtes der Hehlerei Anklage, und zwar hauptsächlich deshalb, wie aus der Hauptverhandlung hervorging, weil dieses sogenannte Extrablatt der Polizei und auch eine spätere Umfrage durch Kriminalschutzleute nicht beachtet worden ist. Die Sache stand für den beklagten D. ziemlich ungünstig, denn der Präsident äußerte sich schon im Eingang der Verhandlungen dahin zu den Angeklagten mit Bezug darauf, daß dieselben bemüht waren, sich zu verteidigen, „Machen Sie nicht so viel Geschichten, ins Gefängnis kommen Sie doch alle rin“, und äußerte noch zu dem Juwelier D. insbesondere „Sie werden von dem Kriminalkommissar Wehn noch ganz andere Dinge hören, nämlich es ist Ihnen die Aufstellung der gestohlenen Gegenstände gemacht und es sind Umfragen gehalten“. Wenn man sich auf Seiten des Gerichtshofes stellt, so konnte man sich über diese Stellungnahme nicht verwundern, denn die Richter nahmen offenbar an, daß die Zustellung des Verzeichnisses seitens der Berliner Polizeibehörde in gehöriger Form geschähe.

Der als Sachverständiger vernommene Vorsitzende des Verbandes, Fischer, gab aber das Gutachten dahin ab, daß diese Zustellungen der Polizei überhaupt nicht beachtet würden und daß man sich wiederholt in der Goldschmiede-Innung in Berlin mit der Frage beschäftigt habe, ob man nicht berechtigt sei, diese Verzeichnisse einfach abzulehnen.

Sieht man sich nun diese Zettel, auf welchen die gestohlenen Gegenstände genau aufgeführt sind, welche täglich von der Polizei durch Kriminalschutzleute, oder wie es bei einzelnen Juwelieren geschieht, durch einen Schuljungen in den Laden gelegt werden, etwas näher an, so wird man finden, daß sie nach Form und Inhalt nicht besonders geeignet sind, die Aufmerksamkeit der Juweliere auf sich zu ziehen, so daß der Zweck als nicht erfüllt zu bezeichnen ist. Diese Zettel tragen die Überschrift „Gestohlene Gegenstände, Amtliches Manuskript des Königlichen Polizeipräsidiums zu Berlin“. Die Form ist seit etwa 20 Jahren die gleiche; aufgeführt sind „Wert

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papiere, Gold- und Silbersachen, Uhren, Kleidungsstücke, Wäsche, Fahrräder, Verschiedenes, Legitimationspapiere, Erledigungen“.

Aus dieser Aufzeichnung geht von vornherein hervor, daß dieses amtliche Verzeichnis eine Unmenge Dinge aufweist, die für den Juwelier nicht bestimmt sind. Angängig sind dieselben für den Trödler und Pfandleiher, die diese Gegenstände ankaufen oder beleihen. Die Polizei macht keinen Unterschied, ganz schematisch werden diese, wie bereits erwähnt, seit etwa 20 Jahren an die Juweliere, Bankiers, Uhrmacher, Pfandleiher und Trödler versandt.

Für die Polizeibehörde ist es völlig gleich, ob Juwelier, Uhrmacher, Pfandleiher, Althandlung und dergl.; sie werden alle gleichmäßig behandelt. Das geht auch schon daraus hervor, daß die Berliner Polizei wiederholt vergeblich bemüht war, den Juwelieren das Trödelbuch aufzudrängen. Nach allem kann ausgesprochen werden, obgleich in der Gerichtsverhandlung der Herr Kriminalkommissar Wehn als Zeuge ganz besonders betonte, daß sogar ein Extrablatt verschickt sei, nach Form und Größe genau wie die übrigen, daß trotz dieser Einrichtung eine dem Zweck entsprechende Bekanntmachung nicht erfolgte. Mit Fug und Recht kann man wohl aussprechen, daß die Juweliere mit Betten, alter Wäsche, alten Überzlehern, Fahrrädern, Legitimationspapieren und Wertpapieren absolut nichts zu tun haben, und es völlig unverständlich ist, wie fortgesetzt jahraus jahrein die Polizeibehörde uns damit behelligt.

Auch das System der Zustellung ist völlig veraltet; es war vor etwa 20 Jahren wohl begreiflich, weil es damals vielleicht eines Tages bedurfte, um einen Brief oder Drucksache an den Adressaten gelangen zu lassen. Heute, wo innerhalb von zwei Stunden die Reichspost Briefe und Drucksachen erledigt, ist die bisherige Art der Zustellungen dieser polizeilichen Bekanntmachungen völlig unverständlich. Wenn man nun aber Maßnahmen oder Einrichtungen einer Behörde glaubt bemängeln zu müssen, weil sie nach jeder Richtung hin verfehlt sind, so hat man auch die Pflicht, Vorschläge zu machen, die Übelstände zu beseitigen. Und diese sind folgende:

Die für Juweliere bestimmte Anzeige über Diebstähle in Goldund Silbersachen sind getrennt zu drucken. Bei der hochentwickelten Technik der Buchdruckerei ist die Ablegung eines Satzes leicht ausführbar. Die Polizeibehörde hat sich für jeden Juwelier, sagen wir einmal für 1 Jahr, 300 Adressen schreiben oder drucken zu lassen und, nachdem die Listen der gestohlenen Goldsachen abgedruckt sind, können diese in einem verschlossenen Kuvert oder auch als Drucksache verschickt werden. Selbstverständlich müßte sich im Polizeipräsidium selbst eine Druckanlage befinden, da durch die Aufgabe nach der Druckerei von A. W. Hayns Erben in der Zimmerstraße ein enormer Zeitverlust entsteht. Werden dann Diebstähle von besonderer Erheblichkeit gemeldet, so würde sich die Mitteilung an die Juweliere in ca. 3—4 Stunden bewerkstelligen lassen. Handelt es sich nun um einen besonders großen Diebstahl, so würden gewiß Extrablätter, schnell verschickt, von besonderem Vorteil sein. Allein in der bisherigen Form, wie bei dem 40000 Mark Kollier geschehen, wo das Extrablatt die genaue Form der sonst verwendeten Zettel hatte, ist der Zweck verfehlt.

Wünschenswert ist dann noch, daß eine möglichst genaue Bezeichnung und Beschreibung der gestohlenen Gegenstände stattfindet. Auch das 40000 Mark Kollier soll bei der Bekanntgabe seiner Zeit als Perlenkollier benannt sein. Kollier heißt nach dem Konversationslexikon „Halsband“, und unwillkürlich nimmt man an, daß, wenn es sich um ein Halsband handelt, ein Halsgeschmeide von etwa 3, 4 auch 5 Schnüren gemeint ist, denn ein Band ist niemals rund, und die Bezeichnung Perlenkollier für eine einreihige Perlenkette war durchaus nicht zutreffend.

Ob die Polizeibehörde sich zu Reformen in der angedeuteten Weise bereit erklären wird, bleibt abzuwarten.

Kommen wir nunmehr nochmal darauf zurück, daß der Juwelier D., obgleich der Ankauf der Perlen von ihm in durchaus legaler Weise erfolgt ist, dennoch einen Prozeß über sich ergehen lassen mußte, der ihm begreiflicherweise die größten Seelenqualen und Aufregungen verursachte, so liegt der Grund darin, daß die Staatsanwaltschaft viel zu viel Gewicht auf die Polizeilichen Bekanntmachungen legte und darin, daß der Juwelier D., als ihm die Mitteilung wurde, über den Fall Auskunft zu erstatten, unvorsichtigerweise aus dem Gedächtnis heraus Zahlen angab, die sich nachher, als er in seinen Büchern Kenntnis davon genommen hatte, als unrichtig herausstellten. Wenn auch die Summe von 300 Mark anstatt 625 Mark mit Vorbehalt genannt wurde, so nahm die Staatsanwaltschaft doch offenbar an, immer unter Berücksichtigung des Umstandes, daß eine polizeiliche Bekanntmachung erlassen war, daß etwas verschleiert werden sollte.

Wir können daher nur jedem Kollegen dringend ans Herz legen, einmal bei dem Ankauf von Juwelen, Gold- und Silberwaren die denkbar größte Vorsicht walten zu lassen, eine genügende Legitimation zu fordern und sich auch über die Solidität des Verkäufers Gewißheit

zu verschaffen. Hat man aber einen Gegenstand angekauft und es entstehen nachher Zweifel über den rechtlichen Erwerb des Verkäufers, so ist unbedingt sofort der Polizei von dem Ankauf Mit teilung zu machen mit den wahrheitsgemäßen Angaben, daß Ihnen nachher Bedenken gekommen sind; andererseits würde man sich den Gefahren aussetzen, wie sie hier geschildert sind.

Tatsache ist, daß in den letzten Jahren wiederholt derartige Prozesse gegen Juweliere angestrengt sind; es ist uns auch bekannt, daß solche mit Verurteilung endeten, weil die notwendige Vorsicht bei dem Ankauf außer Acht gelassen worden ist.

Der § 259 des Strafgesetzbuches lautet folgendermaßen:

„Wer seines Vorteils wegen Sachen, von denen er weiß oder den Umständen nach annehmen muß, daß sie mittels einer strafbaren Handlung erlangt sind, verheimlicht, ankauft, zum Pfande nimmt oder

sonst an sich bringt oder zu deren Absatze bei anderen mitwirkt, wird als Hehler mit Gefängnis bestraft.“

jedenfalls ist die Angelegenheit selbst für den Verband außerordentlich wichtig, und richten wir an die dem Verbande angeschlossenen Vereine und Einzelmitglieder das höfliche Ersuchen, uns über die Art und Form der polizeilichen Bekanntmachungen von gestohlenen Gegenständen Mitteilung zugehen zu lassen. Erwünscht ist uns dabei, daß die Polizeizettel aus allen deutschen Städten eingereicht werden. Es muß von der Zentrale aus dahin gewirkt werden, daß Juweliere von derartigen schwerwiegenden Anklagen befreit werden. Berlin, den 22. Dezember 1903. Verband Deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede Berlin S., Oranienstraße 143.

Fischer.

Aus meiner Lehr- und Gehilfenzeit.

(Fortsetzung aus No. 5.) Es war im Morgengrauen des 7. Dezember 1880, als sich waren, so freuten sie sich jedenfalls, Landsleute bei sich zu sehen, im Hafen von Rotterdam der große Ozeandampfer „Scholtau" lang- und auch bei dem Einkauf der Matratzen und des nötigen EBsam und schwerfällig in Bewegung setzte. Unter den Hunderten geschirrs gingen sie uns hilfreich zur Hand. Wir sahen ins von Zwischendeckspassagieren, die dem alten Europa Valet sagten, dann noch das kanalreiche, saubere Rotterdam an. Am nächsten um sich ein neues Heim im fernen Amerika zu gründen, befanden Tage hieß es früh heraus und – da waren wir nun auf dem sich auch drei Ritter vom Borax pinsel. Der jüngste von diesen Schiffe. Wir hatten jetzt noch erst einen langen Kanal zu paswar ich.

sieren, ehe wir in die Nordsee kamen, sahen also noch immer Und während unter dem Hüte- und Tücherschwenken und rechts und links Land. Wir betrachteten uns unsere ReisegesellAbschiedsrufen der Dampfer sich langsam fortbewegte, zogen noch schaft, mit der wir jetzt längere Zeit, es sollten 3 Wochen daraus einmal die letzten 6 Wochen vor meinem Geiste vorüber. Ja, werden, zusammen hausen sollten. Da waren allerhand Typen vor 6 Wochen hatte ich noch keine Ahnung, daß ich in kurzer vertreten und auch eine bunte Karte von Nationalitäten: Deutsche, Zeit eine Reise übers Weltmeer antreten würde. Hatte auch Holländer, Engländer, Irrländer und auch Franzosen. Da waren manchmal in meiner Lehrlingszeit, wenn wir Zukunftspläne schmie- Leute darunter, die nur das, was sie auf dem Leibe trugen, ihr deten, eine Reise nach Amerika in meinem Kopfe gespukt, so eigen nannten, und die vielleicht in ihrem Leben noch nie so liabe ich doch später nicht mehr daran gedacht. Vielmehr hatte gut gegessen hatten, wie jetzt auf dem Schiffe. Als Lagerstätte ich die Absicht, Wien aufzusuchen, da ich dort hoffte, durch die diente ihnen der bloße Fußboden. Aber auch solche waren darıınter, die Verbindungen meines Lehrmeisters eine Stelle zu erhalten. Nun mit vielen Kisten und Kasten reisten und einige, die Amerika kannten kam eines Tages mein Kollege und spezieller Freund Hiller, der und ihrem alten Heimatlande nur einen Besuch abgestattet hatten. schon verheiratet war, und bei dem ich verkehrte, aufgeregt in Nachmittags des ersten Tages zog einer der Mitreisenden scine die Fabrik: Er gehe nach Amerika. Seine Schwester, die in Ziehharmonika hervor, ein anderer hatte eine Flöte und bald Boston gut verheiratet war, habe ihm das Reisegeld geschickt. wurde fleißig getanzt. Wir 3 Kollegen hielten uns dem Trubel Er solle nur gleich kommen. Arbeit und schönen Verdienst fern und legten uns früh in unsere Kojen, konnten aber vor dem garantiere sie ihm. Es gelang ihm, gleich entlassen zu werden. Lärm lange nicht einschlafen. Der andere Tag brachte gegen Einige Tage später brachten wir ihn zur Bahn, und als er schon Mittag eine große Änderung hervor, denn wir waren jetzt in die im Zuge saß, rief ich ihm zu: „Hiller, wenn du drüben eine Stelle Nordsee gekommen und ein großer Teil der gestein so lustigen für mich hast und mir das nötige Reisegeld schickst, komme ich Leutchen lag stöhnend und wehklagend in ihren Kojen, denn das nach.“ Ich hatte das mehr im Spaß als im Ernst gesagt. Wie Schiff schlingerte jetzt und das nicht schlecht. Wer das nicht erstaunt war ich aber, als nach 4 Wochen der Postbote mir einen erlebt hat, kann sich dies sonderbare Gefühl nicht vorstellen, das Brief und 200 Mark brachte. Der Brief lautete ungefähr: Er einen dann befällt. hätte gleich Stellung mit 15 Dollars wöchentlich erhalten, und Wie der Boden unter uns zu schwanken begann, setzten wir zwar in einer großen Ringfabrik. Der eine Chef hätte ihm einige Trei uns auf eine Bank ud harrten der Dinge, die da kommen Tage nach seinem Antritt gesagt, er solle doch voch an einige sollten. Denn solche Seekrankheit sollte ja schrecklich sein. Goldschmiede schreiben, daß sie rüber kämen. Sie würden gleich Wacker hatte einen Beutel voll getrockneter Pflaumen oder Stellung mit demselben Gehalt bekommen. Er habe nun gleich Zwetschgen mitgenommen, diese sollten gut gegen die Seekrankan seinen Bruder nach Pforzheim und an mich geschrieben. Wir heit sein. Er holte sie herbei und bot sie uns kameradschaftlich sollen nur so schnell als möglich kommen und wenn wir noch an. Ich dankte vorläufig, da ich kein Vertrauen dazu hatte. jemand mitbringen, wäre es recht.

Hiller und Wacker schmausten frisch drauf los. Ich setzte mich mit dem Bruder Hillers, den ich schon Das Schwanken des Schiffes wurde immer stärker. Unser kannte, in Verbindung, und nicht lange darauf fuhren wir, nach Freund Hiller rief auf einmal: „O jeh, mir wird schlecht, und dem sich noch ein Kollege, Wacker, angeschlossen hatte, nach wie ein Pfeil schoß er die Treppe hinauf aufs Deck. Wir eilten Rotterdam ab. Die Fahrt bis Rotterdam war, von Köln ab per ihm nach und sahen, wie er dem Gotte Neptun sein Opfer brachte. Dampfer, sehr unangenehm, da wir wie die Heringe eingepfercht Als er eine Pause eintreten ließ, bot ihm Wacker wieder seine waren und nur unser Humor hielt us bei einigermaßen guter Zwetschgen an. Hiller rief nur: Geh los damit und opferte Laune. Wir waren froh, als wir in Rotterdam den Zug, den wir schleunigst weiter. Als er endlich nichts mehr zum Opfern hatte, zum Schluß eine kurze Strecke bemutzen mußten, verlassen konnten. halfen wir ihm, der ganz schwach geworden war, wieder ins In einer Wirtschaft für Auswanderer kehrten wir ein. Der Wirt Zwischendeck und nahmen auf der Bank wieder Platz. Fürsorgschielte und sein Kellner schielte anch. Aber freundlich waren lich bot Wacker dem Hiller nochmals sein Preservativmittel an, die Leute. Beim Essen nötigten sie fort während und nur, um aber Hiller sagte: die verd ..... Zwetschgen sind bloß schuld ihnen einen Gefallen zu tun, aßen wir von den gut zubereiteten an meinem Übelsein, hätte ich sie nicht gegessen, so wäre mir Gerichten, bis wir zuin Platzen voll waren. Da sie Deutsche das gar nicht passiert. Dem widersprach Wacker, der anf sein

men lassen wollte und sich als Beisten, denn

anfiihrte, ne ihm doch anen wäre, we

biß in seinen Hering wollten ihm aber noch malez, als da unten

groene un und versprachen, dem Hiller auf keinen Fall make

m.Hillere scuft und branchuf die Bank unfo, Mensch, Sauna

Mittel nichts kommen lassen wollte und sich als Beispiel dafür anführte, daß die Zwetschgen nicht schuld sein konnten, denn sonst wäre ihm doch auch übel geworden. Wer weiß, wie weit der Streit noch gediehen wäre, wenn nicht der Steward zum Einnehmen des Abendbrotes gerufen hätte.

Wacker und ich gingen hin und versprachen, dem Hiller sein Abendbrot mitzubringen. Es gab zwei dicke Weißbrotschnitten mit Käse belegt und ein heißes Getränk, das Tee genannt wurde. Milch und Zucker waren gleich zugeschüttet. Hiller nahm das Brot in die Hand, wollte essen, aber den ersten Bissen konnte er schon nicht genießen und er bat uns, an einer anderen Stelle unser Abendbrot zu essen, denn von dem bloßen Zusehen werde ihm schon schlecht. Wir setzten uns pachher wieder zu ihm und da klagte er nun wieder, daß sein Magen so leer sei und er etwas essen möchte. „Halt, ich habs,“ sagte er, ..ich hole mir vom Steward einen Hering und eine Flasche Bier.“ Gesagt, getan. Nach kurzer Zeit kam er, in der einen Hand einen Hering, in der andern eine Flasche Bier, mit Mühe in dem schaukelnden Schiffe die Balance haltend, an und vergnügt verzehrte er sein Göttermahl.

Hier will ich einschalten, daß unser Dampfer noch einer der ältesten war, und deshalb nichts von dem ruhigen Gange der hentigen großen Schnelldampfer hatte. Während der ganzen drei Wochen danernden Fahrt kam er aus dem Schlingern nicht heraus.

Freund Hiller versicherte, nun sei ihm wieder ganz wohl, und beruhigt erzählten wir uns noch aus unserer Vergangenheit einige lustige Sachen und gingen dann in unsere Kabine. Kabine, darunter versteht man eigentlich etwas anderes, als diese Holzverschläge, die Raum für 3 bis 6 Personen boten.

Wir hatten eine dreischläfrige annektiert und schliefen darin auf unseren Matratzen ganz prächtig. Um 8 Uhr früh gab es Kaffee. Schlechteren hatte ich in meinem Leben noch nicht getrunken, denn er hatte einen lieblichen Beigeschmack nach Petroleum und war sehr dünn. Aber er war heiß und bald hatten wir uns an den Petroleumgeschmack gewöhnt. Wir aßen dazu unsere ebenfalls verabreichten Brotschnitten und gingen dann auf das Verdeck, um zu rauchen. Ich bin leidenschaftlicher Raucher, habe aber zu Hause aus Sparsamkeitsrücksichten nur lange Pfeife geraucht. Zu der Reise hatte ich mir einige Pfund besten Varinas Canaster besorgt und auf die Reise meine lange Pfeife auch mit genommen. Ich stellte es mir so poetisch vor, auf dem Verdeck des Schiffes sitzend, das große Meer zu bewundern und dazu eine Pfeife zu schmauchen. Als wir in Köln das Schiff bestiegen hatten, banden wir unsere Stöcke, Schirme, und auch die lange Pfeife dazu, zusammen, und brachten auch alles glücklich auf den Ozeandampfer; nun war aber der Kopf von meiner langen Pfeife verloren gegangen. Da saß ich jetzt mit meinem schönen Knaster und konnte ihr nicht verwerten. Wacker und Hiller rieten mir zwar, eine große Kartoffel, die ich in der Küche erhalten konnte, auszuhöhlen und als Pfeifenkopf zu benutzen, aber ich wollte davon nichts wissen. Nachher gelang es mir doch, durch Vermittlung des Stewards, mit dem wir uns anfreundeten, eine noch nicht gebrauchte Tabakspfeife von einem Matrosen zu erhandeln.

Also wir saßen einträchtiglich auf dem Verdeck des Dampfers und sahen dem Rauche des Tabaks nach, betrachteten auch das Meer (es kam uns aber gar nicht so poetisch, sondern etwas langweilig vor), als Hiller wieder anfing: Kinder, ich glaube, mir wird schon wieder schlecht. Ich gehe hinunter, ich kann das Wogen des Meeres nicht mehr ansehen.“ Also wieder hinunter, aber nicht lange darauf schoß mein lieber Hiller wieder herauf und studierte Kotzebues Werke. Matt und abgeschlagen führten wir ihn wieder herunter.

„Kinder,“ sagte er, „ich fühle mich so schlecht, ich sterbe, glaubt es mir, grüßt meinen Bruder von mir.“ Wir redeten ihm gut zu, Wacker bot noch einmal schüchtern seine getrockneten Zwetschgen an, wurde aber so von ihm angeschrien, daß er zurückfuhr. „Holt mir wieder einen Hering und eine Flasche Bier,“ bat schließlich Hiller, „vielleicht hilft es mir wieder. Wir

holten das Verlangte, Hiller setzte sich trübselig in eine Ecke, biß in seinen Hering und trank einen Schluck Bier. Wir wußten ihn gut aufgehoben, wollten ihm aber noch mal zureden, doch lieber oben auf Deck an die frische Luft zu kommen, als da unten in dem dumpfen Raum zu bleiben. „Nein,“ sagte er, „ich komm auf keinen Fall nach oben. Wenn ich oben das Schwanken des Schiffes fühle und das Meer so wogen sehe, denke ich immer, ich muß Kopfkegel schießen und dann ins Meer fallen. Kinder, sagt dem Kapitän, ich mache nicht mehr mit, er soll anhalten, ich will aussteigen.“ Na, den Humor hatte er ja noch nicht verloren, also wirds ja wieder werden, dachten wir. Aber frische Luft würde ihm doch gut tun. Alle Luken waren fest zu.

,,Ich habe eine Idee,“ sagte Wacker, stieg auf eine Bank und suchte eine der Luken zu öffnen. Es ging. „So, Mensch,“ sagte er zu Hiller, setze dich hier auf die Bank unter der Luke, da hast du frische Luft und brauchst das wogende Meer nicht zu sehen.“ Hiller setzte sich mit einem ergebenen Lächeln auf die angewiesene Bank. Wir wünschten ihm guten Appetit zu seinem Hering und Bier und gingen lachend nach oben. Kaum waren wir eine halbe Stunde oben, als wir nach unten gerufen wurden, dem Hiller sei etwas passiert, er sei quitschenaß. „Nanu,“ sagte Wacker, „sollte er sich so —“ Wir sprangen hinunter, da stand der Unglücksmensch in einer Ecke des Schiffraums und war beschäftigt, sich auszuziehen. Eine Sturzwelle war durch die Luke geschlagen und unser lieber Kollege war bis auf die Haut durchnäßt worden. Wir holten ihm schleunigst andere Wäsche und Kleidung und halfen ihm, sich umzuziehen. Das Sturzbad schien aber heilsam für ihn gewesen zu sein, denn die Seekrankheitsanfälle kamen seltener und nicht mehr so stark, und wir sahen ihn nur noch zwei- oder dreimal, in der einen Hand einen Hering, in der anderen eine Flasche Bier haltend, mit trübseligem Gesicht dasitzen.

Langsam, sehr langsam schlich die Zeit dahin. Fortwährend schlafen konnte man doch nicht. Die Bücher, die ich bei mir hatte, waren von uns schon dreimal durchgelesen worden. Das Wetter war unangenehm geworden, auf dem Deck konnte man sich deshalb nicht lange aufhalten. Das Essen war kräftig und wurde ausreichend verteilt, aber das immerwährende Pökelfleisch war uns zuwider geworden. Da kamen wir auf den Gedanken, unser Brot zu rösten. Wir legten die Butterbrote auf eines meiner Bücher, es war Lenaus Savonarola, und baten in der Küche um Erlaubnis, es in den Bratofen schieben zu dürfen und das Produkt schmeckte uns köstlich. Doch wie alles in der Welt, vergingen auch diese Tage und eines Morgens hieß es „Land in Sicht“. Das war ein Aufstand. Alles lief aufs Deck, aber nur da ganz weit vorne sah man einen Streifen, der ebensogut eine tiefliegende Wolke sein konnte. Trotzdem dauerte die Aufregung an. Ein Barbier war unter den Mitreisenden, und hatte er während der vorhergegangenen Zeit vergebens seine Dienste angeboten, so riß man sich jetzt um ihn und bezahlte gern den verlangten Preis von 50 Pfennig. Die guten Kleider wurden vorgeholt und als man am Nachmittag schon eine Stadt auf dem Lande, New York, erkennen konnte, da glaubten alle, heute Abend sind wir dort. Ich hatte noch vor wenigen Tagen einen großen Ärger gehabt. Wir hatten so starken Sturm, daß das Schiff wie ein Federball hin und hergeworfen wurde. Um nur auf Schiff gehen zu können, waren Taue gespannt, um sich beim Gehen daran festzuhalten. Es war nun eine schwierige Sache, mit dem in einem Napf geholten Essen glücklich wieder an seinen Platz zu kommen. Den einen Tag gab es Erbsen und war der Boden durch einiges verschüttetes Essen schlüpfrig geworden. Ich glitt aus, fiel mit meinem Napt voll Erbsen hin und mein Hintermann über mich rüber, sein ganzes Essen auf meinen noch guten Überzieher schüttend. Ich hatte alles mögliche angegeben, die Erbsen aus dem Flockinüberzieher herauszuklauben, aber es half nichts, ich mußte mit meinem Überzieher, der auf dem Rücken noch die deutlichen Überreste des Erbsengerichtes aufwies, ans Land gehen.

Wir glaubten also, heute Abend noch an Land zu kommen, aber es wurde nichts darans. Wir hatten vielmehr eine fürchter

zu verschaffen. Hat man aber einen Gegenstand angekauft und es entstehen nachher Zweifel über den rechtlichen Erwerb des Verkäufers, so ist unbedingt sofort der Polizei von dem Ankauf Mitteilung zu machen mit den wahrheitsgemäßen Angaben, daß Ihnen nachher Bedenken gekommen sind; andererseits würde man sich den Gefahren aussetzen, wie sie hier geschildert sind.

Tatsache ist, daß in den letzten Jahren wiederholt derartige Prozesse gegen Juweliere angestrengt sind; es ist uns auch bekannt, daß solche mit Verurteilung endeten, weil die notwendige Vorsicht bei dem Ankauf außer Acht gelassen worden ist.

Der § 259 des Strafgesetzbuches lautet folgendermaßen:

„Wer seines Vorteils wegen Sachen, von denen er weiß oder den Umständen nach annehmen muß, daß sie mittels einer strafbaren Handlung erlangt sind, verheimlicht, ankauft, zum Pfande nimmt oder

sonst an sich bringt oder zu deren Absatze bei anderen mitwirkt, wird als Hehler mit Gefängnis bestraft.“

Jedenfalls ist die Angelegenheit selbst für den Verband außerordentlich wichtig, und richten wir an die dem Verbande angeschlossenen Vereine und Einzelmitglieder das höfliche Ersuchen, uns über die Art und Form der polizeilichen Bekanntmachungen von gestohlenen Gegenständen Mitteilung zugehen zu lassen. Erwünscht ist uns dabei, daß die Polizeizettel aus allen deutschen Städten eingereicht werden. Es muß von der Zentrale aus dahin gewirkt werden, daß Juweliere von derartigen schwerwiegenden Anklagen befreit werden. Berlin, den 22. Dezember 1903. Verband Deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede

Berlin S., Oranienstraße 143.

Fischer.

Aus meiner Lehr- und Gehilfenzeit.

(Fortsetzung aus No. 5.) Es war im Morgengranen des 7. Dezember 1880, als sich waren, so freuten sie sich jedenfalls, Landsleute bei sich zu sehen, im Hafen von Rotterdam der große Ozeandampfer ,,Scholtau“ lang- und auch bei dem Einkauf der Matratzen und des nötigen EBsam und schwerfällig in Bewegung setzte. Unter den Hunderten geschirrs gingen sie uns hilfreich zur Hand. Wir sahen uns von Zwischendeckspassagieren, die dem alten Europa Valet sagten, dann noch das kanalreiche, saubere Rotterdam an. Am nächsten um sich ein neues Heim im fernen Amerika zu gründen, befanden Tage hieß es früh heraus und - da waren wir nun auf dem sich auch drei Ritter vom Borax pinsel. Der jüngste von diesen Schiffe. Wir hatten jetzt noch erst einen langen Kanal zu paswar ich.

sieren, ehe wir in die Nordsee kamen, sahen also noch immer Und während unter dem Hüte- und Tücherschwenken und rechts und links Land. Wir betrachteten uns unsere ReisegesellAbschiedsrufen der Dampfer sich langsam fortbewegte, zogen noch schaft, mit der wir jetzt längere Zeit, es sollten 3 Wochen daraus einmal die letzten 6 Wochen vor meinem Geiste vorüber. Ja, werden, zusammen hausen sollten. Da waren allerhand Typen vor 6 Wochen hatte ich noch keine Ahnung, daß ich in kurzer vertreten und auch eine bunte Karte von Nationalitäten: Deutsche, Zeit eine Reise übers Weltmeer antreten würde. Hatte auch Holländer, Engländer, Irrländer und auch Franzosen. Da waren manchmal in meiner Lehrlingszeit, wenn wir Zukunftspläne schmie Leute darunter, die nur das, was sie auf dem Leibe trugen, ihr (leten, eine Reise nach Amerika in meinem Kopfe gespukt, so eigen nannten, und die vielleicht in ihrem Leben noch nie so habe ich doch später nicht mehr daran gedacht. Vielmehr hatte gut gegessen hatten, wie jetzt auf dem Schiffe. Als Lagerstätte ich die Absicht, Wien aufzusuchen, da ich dort hoffte, durch die diente ihnen der bloße Fußboden. Aber auch solche waren darunter, die Verbindungen meines Lehrmeisters eine Stelle zu erhalten. Nun mit vielen Kisten und Kasten reisten und einige, die Amerika kannten kam eines Tages mein Kollege und spezieller Freund Hiller, der und ihrem alten Heimatlande nur einen Besuch abgestattet hatten, schon verheiratet war, und bei dem ich verkehrte, aufgeregt in Nachmittags des ersten Tages zog einer der Mitreisenden seine die Fabrik: Er gehe nach Amerika. Seine Schwester, die in Ziehharmonika hervor, ein anderer hatte eine Flöte und bald Boston gut verheiratet war, habe ihm las Reisegeld geschickt. wurde fleißig getanzt. Wir 3 Kollegen hielten uns dem Trubel Er solle nur gleich kommen. Arbeit und schönen Verdienst fern und legten uns früh in unsere Kojen, konnten aber vor dem garantiere sie ihm. Es gelang ihm, gleich entlassen zu werden. Lärm lange nicht einschlafen. Der andere Tag brachte gegen Einige Tage später brachten wir ihn zur Bahn, und als er schon Mittag eine große Änderung hervor, denn wir waren jetzt in die im Zuge saß, rief ich ihm zu: „Hiller, wenn du drüben eine Stelle Nordsee gekommen und ein großer Teil der gestern so lustigen für mich hast und mir das nötige Reisegeld schickst, komme ich Leutchen lag stöhnend und wehklagend in ihren Kojen, denn das nach.“ Ich hatte das mehr im Spaß als im Ernst gesagt. Wie Schiff schlingerte jetzt und das nicht schlecht. Wer das nicht erstaunt war ich aber, als nach 4 Wochen der Postbote mir einen erlebt hat, kann sich dies sonderbare Gefühl nicht vorstellen, das Brief und 200 Mark brachte. Der Brief lautete ungefähr: Er einen dann befällt. hätte gleich Stellung mit 15 Dollars wöchentlich erhalten, und Wie der Boden unter uns zu schwanken begann, setzten wir zwar in einer großen Ringfabrik. Der eine Chef hätte ihm einige drei uns auf eine Bank und harrten der Dinge, die da kommen Tage nach seinem Antritt gesagt, er solle doch noch an einige sollten. Denn solche Seekrankheit sollte ja schrecklich sein. Goldschmiede schreiben, daß sie rüber kämen. Sie würden gleich Wacker hatte einen Bentel voll getrockneter Pflaumen oder Stellung mit demselben Gehalt bekommen. Er habe nun gleich Zwetschgen mitgenommen, diese sollten gut gegen die Seekrankan seinen Bruder nach Pforzheim und an mich geschrieben. Wir heit sein. Er holte sie herbei und bot sie uns kameradschaftlich sollen nur so schnell als möglich kommen und wenn wir noch an. Ich dankte vorläufig, da ich kein Vertrauen dazu hatte. jemand mitbringen, wäre es recht.

Hiller und Wacker schmausten frisch drauf los. Ich setzte mich mit dem Bruder Hillers, den ich schon Das Schwanken des Schiffes wurde immer stärker. Unser kannte, in Verbindung, und nicht lange darauf fuhren wir, nach Freund Hiller rief auf einmal: „O jeh, mir wird schlecht, und dem sich noch ein Kollege, Wacker, angeschlossen hatte, nach wie ein Pfeil schoß er die Treppe hinauf aufs Deck. Wir eilten Rotterdam ab. Die Fahrt bis Rotterdam war, von Köln ab per ihm nach und sahen, wie er dem Gotte Neptun sein Opfer brachte. Dampfer, sehr unangenehm, da wir wie die Heringe eingepfercht Als er eine Pause eintreten ließ, bot ihm Wacker wieder seine waren und nur unser Humor hielt uns bei einigermaßen guter Zwetschgen an. Hiller rief nur: Geh los damit und opferte Laune. Wir waren froh, als wir in Rotterdam den Zug, den wir schleunigst weiter. Als er endlich nichts mehr zum Opfern hatte, zum Schluß eine kurze Strecke benutzen mußten, verlassen konnten. halfen wir ihm, der ganz schwach geworden war, wieder ins In einer Wirtschaft für Auswanderer kehrten wir ein. Der Wirt Zwischendeck und nahmen auf der Bank wieder Platz. Fürsorgschielte und sein Kellner schielte anch. Aber freundlich waren lich bot Wacker dem Hiller nochmals sein Preservativmittel an, die Leute. Beim Essen nötigten sie fortwährend und nur, um aber Hiller sagte: (lie verd . .... Zwetschgen sind bloß schuld ihnen einen Gefallen zu tun, aben wir von den gut zubereiteten an meinem Übelsein, hätte ich sie nicht gegessen, so wäre mir Gerichten, bis wir zuin. Platzen voll waren. Da sie Deutsche das gar nicht passiert. Dem widersprach Wacker, der auf sein

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