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er zehn mineralogische Vorträge gehört hätte. Und wenn der Lehrling so und soviel gotische oder romanische Becher und so und soviel lebende Pflanzen skizziert und dann versucht hat, die Formen in Metall nachzubilden, dann wird er von selbst auf etwas kommen, was er in keinem schulmäßig geleiteten Zeichenunterricht lernen wird, nämlich darauf, daß das Edelmetall seine besondere Formensprache hat, die sich nicht vergewaltigen läßt. Während ihm in der Zeichenschule vielleicht zugemutet wird, irgend einen Naturgegenstand, eine Pflanze z. B., zu „stilisieren“, ein Ornament daraus zu machen, vielleicht mit der Angabe, in welchem historischen Stil, aber nicht in welchem Stoff dieses Ornament ausgeführt gedacht wird, wird ihm bei gut geleiteter Werkstattarbeit die Naturform ganz von selbst zu einer stilisierten, einer Kunstform werden, d. h. sie wird sich durch die Eigentümlichkeit des Edelmetalls und die mögliche Art seiner Bearbeitung so verändern, daß sie nicht mehr als ein Erzeugnis der Natur erscheint, sondern als ein Gebilde, das genau so logisch aus der Eigentümlichkeit des Edelmetalls herausgewachsen ist, wie die Pflanze aus ihren organischen Bedingungen. Er wird

doch ganz gleich. Ein weiterer Vorteil der Werkstätte ist der, daß man in der Werkstatt den Lehrling von vornherein dadurch zu selbständiger Arbeit anleiten kann, daß man ihm sogleich eine ganze, selbstverständlich noch ganz einfache aber in sich abgeschlossene und sich rein aus der Technik entwickelnde Arbeit, wenn auch anfänglich ohne jede Verzierung, gibt, an der er seinen Sinn für das Wesentliche – den künstlerischen Aufbau – entwickeln und üben kann.

In den Schulen ist es dagegen üblich, dem Schüler zuerst ein aus seiner ursprünglichen Zweckbestimmung herausgerissenes Ornament zum Modellieren, Schneiden oder Ziselieren zu geben. Bei dieser Arbeit vergißt der Schüler, daß das Ornament unter allen Umständen nur etwas Nebensächliches ist und betrachtet es schließlich als die Hauptsache. Die Folge ist die, daß so viele Kunsthandwerker, die technisch vorzüglich ausgebildet sind, doch nie selbständig ein

Stück machen können, das in der Gesamtheit seines Aufbaues den Anforderungen eines künstlerischen Geschmackes entsprechen kann, und daß die meisten Handwerker ihre erste Aufmerksamkeit immer auf die „Schönheit“ des Ornaments

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MODERNER SILBER-SCHMUCK

VON RAUSCHER & CO., PFORZHEIM.

einsehen, daß eben auch die Natur den Entwurf nur zutag gegeben „zu gut der uebenden Jugend“, daß aber der Stümper ihn ihr genau so sklavisch nachmacht wie ein Fabrikant den Entwurf eines Architekten, und daß auch der Erfolg der gleiche ist: hier gräulicher Naturalismus, dort stilwidrige Gebilde, beide allerdings gleichmäßig bewundert von der urteilslosen Menge; er wird finden, daß den historischen Stilen, wenigstens für seine Zwecke, viel zu viel Wichtigkeit beigelegt wird, und daß in jedem Stil Kunstformen sich finden, die nicht auf dem Papier erfunden sein können, sondern die sich, wenigstens in ihrer einfachen Gestaltung, aus der Bearbeitung des Materials von selbst ergeben haben. Einen gotischen Buckelbecher, für Silber vielleicht die schönste und am meisten charakteristische Gefäßform, hätte, weil sie einzig aus der Dehnbarkeit des Metalles sich erklären läßt, kein „kunstgewerblicher Zeichner“ erfinden können. Er wird auch sehen, daß hier und da Kunstformen und Naturformen sich vollkommen decken, und daß in diesem Falle es gar nicht not. wendig ist zu stilisieren: die Blütenkelchblätter der wilden Gelbrübe und ein Kranz von geschnittenem Silber am Übergange des Stiels zum Kelch eines gotischen Bechers sind beide aus verschiedenen Bedingungen entstanden und sich

richten. Um aber den uns vor Augen stehenden bewährten Werkstättevorbildern möglichst nahe zu kommen, wären nicht reine Lehrlingswerkstätten ins Auge zu fassen, sondern Werkstätten, in denen auch der mehr Vorgeschrittene, der „Geselle“, einen höheren Grad der künstlerischen und technischen Ausbildung erlangen und zugleich durch die seinem Alter entsprechende ernstere Auffassung und Lernbegierde günstig auf den Lehrling einwirken könnte, denn die gleichalterigen und so ziemlich auf einer Stufe des Könnens stehenden Lehrlinge sehen nur das nächstliegende Ziel vor Augen, während in einer so gemischten Besetzung einer Werkstatt die Jüngeren und Schwächeren viel eher sehen, was ihnen noch fehlt und ihr Eifer dadurch, daß sie weitere Ziele sehen, viel mehr geweckt wird. So würde der Betrieb dem der Werkstätten der guten Zeit, wo auch jeder von jedem lernte, möglichst nahe kommen und das Ganze würde ein organischeres Gefüge erhalten. Auch würde die Verbindung mit anderen ähnlichen Betrieben mehr gewahrt werden, wie ja auch der mittelalterliche wandernde Handwerksbursche befruchtende Ideen und neue, irgendwo aufgekommene künstlerische Formen und technische Fertigkeiten von einer Werkstatt zur andern trug und so immer neues Leben und neue Anregung brachte.

Also noch einmal: Wenn die Goldschmiedekunst auf möglichste Höhe gebracht werden soll, dann müssen die Goldschmiede (nicht in Schulen sondern) in richtig geleiteten Werkstätten so ausgebildet werden, daß sie imstande sind,

ein Kunstwerk selbständig, ohne Beihilfe eines Architekten, zu entwerfen und selbständig auszuführen.

Ernst Riegel, Goldschmied und Fachzeichenlehrer.

Die neuesten Pariser Ärmelmoden.

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Aus Paris wird berichtet: Jede Saison schafft eine Spezialität in der Toilette, die für die neue Mode bestimmend wird. Die Toiletten-Manie dieser Saison ist die Ausgestaltung des unteren Teiles des Ärmels, vom Ellbogen bis zum Handgelenk, und von diesem anscheinend unwichtigen Bestandteil der Toilette hängt wieder der Stil in vielen anderen Dingen ab, vor allem in den Handschuhen, dann Armbändern und Ringen. Die fashionablen Pariser Schneider erschöpfen alle ihre erfinderische Geschicklichkeit in der künstlerischen Bekleidung des Unterarms. Richtiger wäre es, Nichtbekleidung zu sagen, denn nicht nur Taillen und Blusen, sondern auch die meisten schicken kleinen Pelerinen oder Frühlingsumhänge haben heute Ärmel, die gerade unterhalb des Ellbogens aufhören. Die alte Mode, den Ellbogen selbst unbekleidet zu lassen, ist zum Glück nicht wieder belebt worden, denn nur selten haben Frauen einen runden rosigen Ellbogen mit Grübchen; gewöhnlich ist er spitz. Man wird also in dieser Saison eine Flut dünner Spitzen in weitläufigen Falten sich den Armbewegungen der hübschen Trägerinnen anschmiegen sehen. Da aber die Spitze durchsichtig ist, muß etwas erfunden werden, um den zarten, weißen Arm vor zu heißen Sonnenstrahlen zu schützen. Hier setzt nun die Tätigkeit der Handschuh

fabrikanten ein. Lange schwedische Handschuhe, die auch dem eckigsten Arm weiche Konturen verleihen, sind gegenwärtig „en vogue“. Diese Handschuhe werden mit Spitzeninkrustationen verziert, die oft von den Wurzeln der Fingernägel bis zum Ellbogen reichen. Dazu werden echte Chantilly, Venetianer oder Alençonspitzen oder auch nur hübsche Nachahmungen verwendet. Natürlich muß die Spitze des Armels zu der des Handschuhs passen, und diese Übereinstimmung erstreckt sich sogar auch auf die durchbrochenen Spitzen der Strümpfe. Die Spitzen des Handschuhs sind entweder durchbrochen, so daß die weiße Haut durchschimmert, oder das Leder des Handschuhs bleibt intakt, oder es wird auch eine andere Farbe unter die Spitzen gelegt. Die Mode der kurzen Ärmel und langen Handschuhe erfordert natürlich Armbänder, eine Mode, an der in den letzten zwanzig Jahren nur die Engländerinnen wegen ihrer ziemlich eckigen Arme ständig festgehalten haben. Diese Mode ist auf die Réjane zurückzuführen, denn sie entwickelte sich aus den langen

Spitzenschleiern, die die bekannte Schauspielerin im vorigen Jahr in „Le Joug“ trug. Natürlich steigert sich nun auch die Nachfrage nach Ringen, denn der weiche schwedische Handschuh ist elastisch genug, um das Tragen von Fingerringen darunter zu gestatten.

„WASSERSCHÖPFERIN.“ VON BILDHAUER J. GÖTZ. IN ECHTEM BRONZEGUSS AUSGESTELLT IN DEM KUNSTSALON DER AKTIENGESELLSCHAFT VORM.

H. GLADENBECK & SOHN, BERLIN.

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SCHAUFENSTER DER FIRMA H. GLADENBECK & SOHN, BILDGIESSEREI, BERLIN UND FRIEDRICHSHAGEN.

BERLINER ARCHITEK-
TURWELT O VERLAG
E. WASMUTH, BERLIN.

Zur Frage des Abendmahlkelches.

Wie bekannt, macht sich schon seit längerer Zeit eine mahl Einzelkelche zu verwenden, nicht mehr von mir geBewegung geltend gegen die gemeinsame Benutzung eines wichen, denn die Feier hatte fraglos für alle Beteiligten eine und desselben Kelches bei der Abendmahlfeier der prote- herbe Störung erlitten, die durch Verwendung von Einzelstantischen Kirche. Die Gründe, die dagegen angeführt werden, kelchen hätte vermieden werden können. Erfahrungen in sind ästhetischer und sanitärer Natur, und sind jedenfalls so meinem hiesigen Amte an St. Nicolai haben mich in jenem schwerwiegend, daß man sie keinesfalls mit der Begründung Gedanken bestärkt. Unter meinen Konfirmanden befand „Das ist nun einmal so hergebracht“, wird abtun können. sich vor einigen Jahren ein Mädchen, das wegen eines LupusAndrerseits ist eine eingehende und sorgfältige Erwägung, ein schadens am Munde stets das Gesicht verbunden tragen taktvolles und besonnenes Vorgehen dringend geboten. Eine mußte. Sofort nach der Konfirmation baten mich einige so alte, so heilig und ehrwürdig erscheinende Sitte muß, wenn Eltern, ich möchte bei der Feier des heiligen Abendmahls sie geändert werden soll, jedenfalls mit der ihrem Alter und diesem kranken Kinde zuletzt den Kelch reichen. Ja, die ihrer Ehrwürdigkeit geziemenden Pietät angefaßt werden. Da Mutter des kranken Kindes kam selbst zu mir, um mir mitdie Angelegenheit unsere Leser immerhin interessieren dürfte, zuteilen, daß sie mit ihrer Tochter zur Vermeidung der Anso bringen wir anschließend einen Auszug aus dem Vortrage steckungsgefahr zuletzt an den Altar treten werde. Als des Herrn Archidiakonus

ich ihnen das Abendmahl Seydel an St. Nikolai in

reichte, hatte ich wieder Berlin und zwei amtliche

das Gefühl der gestörten Äußerungen darüber, die

Andacht bei allen Teileine von theologischer, die

nehmern. Ferner bin ich andere von medizinischer

aus der Mitte der GeSeite. D. Red.

meinde heraus immer

und immer wieder darauf Ist eine Änderung der

aufmerksam gemacht worAbendmahlsfeier

den, daß der gemeinschaftratsam, so daß an Stel

liche Kelch in der kirchle des gemeinsamen

lichen Abendmahlsfeier ein Kelches Einzelkelche

Mißstand sei, der vielgebraucht werden?

fach berechtigten WiderBald nach meiner Ein

willen gegen den Genuß führung in mein erstes

des heiligen Abendmahls Pfarramt, in welchem ich

hervorrufe und die Ereine Gemeinde von 1700

bauung beeinträchSeelen zu pastorieren

tige. hatte, kündigte ich von

Es wäre nun nach meiner der Kanzel eine am da

Meinung sehr verkehrt rauffolgenden Sonntage

und unchristlich, wollte abzuhaltende Abendmahls

man über solche Mitfeier an. Dort bestand,

christen den Stab brechen wenn auch nicht mehr

und sie als ungläubig oder allgemein, die Sitte der

unkirchlich verurteilen, persönlichen Anmeldung

sondern man muß die zu der heiligen Feier.

Gründe ruhig erwägen Bei dieser Gelegenheit

und sachlich beurteilen. Da machte mich eine Anzahl

werden zunächst ästhevon Gemeindemitgliedern

tische Gründe angedarauf aufmerksam, daß

führt, d. h. man macht ein Mann, namens N. N.,

auf das Ungewohnte mit einem ansteckenden

und Abstoßende aufLeiden behaftet sei. Wenn

merksam, das in dem geer am Abendmahl teil

meinschaftlichen Gebrauch nehme, so möchte ich ihm

eines und desselben Trinkden Kelch zuletzt reichen,

gefäßes seitens vieler Personst vermöchten sie das

sonen liegt, ohne daß heilige Abendmahl trotz PLAKETTE IN HOLZFASSUNG.

dasselbe gereinigt wird. der Anmeldung nicht zu ENTWORFEN UND AUSGEFÜHRT VON H. WISSMANN, PFORZHEIM. Nun müssen wir zugestenehmen. Der Kranke wer

hen, daß dieser Gebrauch de auch ohnehin zuletzt

unter uns wirklich nur an den Altar treten. Der Sonntag kam; unter den Abendmahls in der kirchlichen Abendmahlsfeier und sonst nirgend üblich gästen befand sich auch der Ärmste. Er trat allein und als ist. Wir haben für gewöhnlich einen Widerwillen davor, mit letzter an den Altar, und, während aller Augen auf ihm ruhten, anderen Personen von demselben Teller zu essen und aus empfing er das heilige Sakrament aus meiner Hand. Es war demselben Gefäß zu trinken. Wenn ein auch noch so lieber für mich ein erschütternder Augenblick, als dieser Kranke, und nahestehender Gast zu uns kommt, so setzen wir ihm indem er Stärkung und Erbauung im heiligen Abendmahl zur Benutzung ein reines Glas vor. Es ist uns tatsächlich suchte, doppelt schwer an seinem unheilvollen Leiden tragen etwas Fremd es geworden, mit vielen und noch dazu ganz mußte. Seit jenem mir unvergeblichen Ereignis ist der Ge- unbekannten Personen aus einem Gefäß zu trinken. danke, daß es ratsam, ja notwendig sei, beim heiligen Abend Hinzu kommt beim Kelchgebrauch im Abendmahl, daß

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viele Menschen hierbei auch von derselben Flüssigkeit, deutlich sichtbarer Weise von dem weißen Mundinhalt etwas demselben Kelchinhalt trinken. Es ist bekannt, daß bei jedem in den Becher über. Deshalb ist auch anzunehmen, daß Trinkgefäß von den Lippen jedes einzelnen Trinkenden mehr bei dem Abendmahl von dem Speichel des Trinkenden oder weniger Feuchtigkeit am Rande zurückbleibt. Bei der etwas in den Trinkkelch übergeht, was eine große InfektionsForm des Kelchrandes findet das in erhöhtem Maße statt. Ja gefahr in sich schließt.“ (Section of bacteriology and pathoes fließt öfters Wein, der schon mit den

logy.) — Besonders eingehend ist diese Frage Lippen und der Zunge in Berührung getreten

in Kopenhagen behandelt worden. Der dortige ist, wieder in den Becher zurück, was jeder

Ärzteverein sollte ein Gutachten über die Geistliche häufig genug zu beobachten Ge

Verwendbarkeit eines von einem Kopenhagener legenheit gehabt hat. Dieser Wein, der natur

Fabrikanten konstruierten neuen Abendmahlgemäß mit etwas Speichel vermischt ist und

kelches vom ärztlichen Standpunkte aus abder mitunter auch Reste vom Abendmahlsbrot

geben. Aus dieser Veranlassung gaben eine mit sich führt, vermischt sich mit dem übrigen

Anzahl namhafter Arzte folgende Erklärung ab: Kelchinhalt. Auf diesen Umstand hat bereits

„Es ist schon lange bekannt, daß die im Jahre 1785 der Geh. Hofrat Gruner in

bisherige Art der Benutzung des Kelches eine Jena verwiesen und die Abschaffung des

Infektionsgefahr in sich birgt; denn es ist Kelches verlangt, ferner Karl Spazier 1788,

bewiesen, daß eine große Menge infektiöser der zur Verhütung des Ekels vorschlug, daß

Krankheiten sich im Munde und an den jeder Kommunikant seinen eigenen kleinen

Lippen befinden können, die selbst bei einer Kelch mitbringen solle. Diese bisher er RICH.WAGNER sehr kurzen Berührung die Ansteckung überwähnten Übelstände beim Kelchgebrauch sind 0223 -156376223 tragen oder durch Schleim usw. weiter verallen Geistlichen bekannt. Um sie soweit als

breitet werden können. Selbst bei sehr möglich zu beseitigen, haben viele Geistliche

WAGNERPLAKETTE VON

großer Vorsicht von seiten des Geistlichen die Gewohnheit, den Kelch zu drehen, so daß

muß diese Gefahr vorhanden sein.“ – Auf

W. MAYER & FRZ. WILHELM, jeder einzelne an einer anderen Stelle des

M, eine Anfrage des Bischofs Dr. Rordam, des Randes trinken solle, und ferner den Kelch

STUTTGART.

obersten Leiters des dänischen Kirchwesens, rand von Zeit zu Zeit mit einem Leinentuche

in dieser Sache erging folgende Antwort: abzuputzen. Daß jedoch dadurch die Übelstände nicht behoben „Die Frage, ob nachgewiesen werden kann, daß beim Abendwerden, leuchtet ein.

mahl die Ansteckungsgefahr größer sei als bei sonstiger Neben obigen ästhetischen Gründen werden sanitäre Berührung mit einer fremden Umgebung, muß entschieden Gründe geltend gemacht, d. h. man weist auf die Ansteckungs- mit „Ja“ beantwortet werden. Denn die Gefahr der Angefahr hin, welcher der einzelne bei der Benutzung des steckung liegt nicht darin, daß sich die Ansteckenden in Abendmahlskelches durch mehrere Personen ausgesetzt ist. der Nähe von den Gesunden befinden, sondern darin, daß Diese Ansteckungsgefahr wurde bereits im Mittelalter zur Zeit Gesunde bei dem gemeinsamen Gebrauch des Kelches mit der Pestkrankheit (1348—50) erkannt. Man führte deshalb dem eventuell Behafteten in unmittelbare Berührung mit den sogenannte Pestkelche ein, in welchen den Pestkranken die letzteren kommen.“ Sterbesakramente gereicht wurden, von denen einer noch Was hat die Kirche oder die christliche Gemeinde heute in der Hauptkirche zu Saalfeld vorgezeigt wird. Diese demgegenüber zu tun? Soll sie gleichgültig zusehen, daß Gefahr der Ansteckung aus der Pestzeit ist wohl auch neben ein Teil fern bleibt, andere in gestörter Andacht das heilige den dogmatischen Gründen mit eine Ursache zur Kelch- Abendmahl genießen und sich daran genügen lassen, daß ja entziehung in der katholischen Kirche gewesen; denn das doch immer noch eine wenn auch verhältnismäßig geringe Konzil zu Konstanz 1414—1418, das die Kelchentziehung be- Zahl zum Abendmahl geht, oder soll sie dem Erfolg der schloß, verweist dabei auf die bereits bestehende Gewohn- medizinischen Forschung gegenüber sich blind und rückständig heit zur Vermeidung von Gefahren und Anstößen (pericula et stellen? Ich meine, die christliche Gemeinde hat jedenfalls scandala). – Die neuere Zeit hat den sicheren Beweis er- die ernste Pflicht, rechtzeitig daran zu denken, einen Weg bracht, daß eine ganze Reihe von Krankheiten (Masern, Diph- zur Abstellung jener Mißstände zu finden und die Feier des therie, Scharlach, Krebs, Tuberkulose, Lepra usw., ja auch heiligen Abendmahls, des letzten und teuersten Vermächtnisses Schnupfen und Keuchhusten) durch Ansteckung übertragbar unseres Heilandes, für jeden unanstößig und damit weihevoll, sind. Mit den Gefahren, welche die ansteckenden Krankheiten würdig und segensreich zu gestalten. mit sich bringen, ist heute jedes Kind vertraut, und die

Da erhebt sich zunächst die Frage: Hat die gegenSchule schärft es mit Recht den Schülern immer von neuem wärtige christliche Gemeinde das Recht, die durch ein. An diesen Tatsachen kann die Kirche unmöglich, ohne das Herkommen und das Alter geheiligte Form des ihnen Beachtung zu schenken, vorübergehen; denn sie soll heiligen Abendmahls zu ändern? Luther sagt darüber doch nicht nur die Seelen pflegen, sondern auch das leibliche in seiner Vorrede zur deutschen Messe und Ordnung des Wohlbefinden ihrer Glieder wie eine treue Mutter auf dem Gottesdienstes: Man solle aus der Ordnung im Gottesdienste Herzen tragen. Daher ist für die christliche Gemeinde die kein Gesetz machen, sondern sie nach der christlichen FreiFrage unabweisbar, ob eine direkte Ansteckungsgefahr in dem heit gebrauchen, wie, wo und wie lange es die Sachen schicken gemeinsamen Kelchgebrauch vorhanden ist. Diese Frage ist und fordern. — Wo ein Mißbrauch sich zeige, solle man die von Ärzten vielfach behandelt

Ordnung flugs abtun und eine und bejaht worden. Dr. Moore

andere machen. – Die Ordnung hat im Jahre 1900 auf dem

soll zur Förderung des GlauKongreß zu Aberdeen auf die

bens und der Liebe dienen und Ansteckungsgefahr beim Abend

nicht zum Nachteil des Glaumahl durch folgendes Experiment

bens. Wenn sie das nicht tut, aufmerksam gemacht: „Wenn

so solle man sie wegwerfen man etwas weißes Pulver oder

wie alte Schuhe, die drücken, weiße Flüssigkeit in den Mund

und eine neue machen. Ordnimmt und trinkt dann einen

nung sei ein äußerlich Ding und Becher, so geht jedesmal, auch

MONOGRAMME

könne in Mißbrauch geraten, beim kleinsten Schluck, in ENTWORFEN VON R. LANGNER, MÜNCHEN. dann aber sei es keine Ordnung

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mehr, sondern Unordnung. Ebenso spricht er sich in seinem Schreiben an die Evangelischen in Livland vom Jahre 1525 über die äußerlichen Ordnungen in Gottesdiensten aus: Man solle mit Liebe suchen, was dem Volke diene, aber frei sein und die äußerliche Ordnung mit gutem Gewissen an allen Orten, zu aller Stunde und durch alle Personen ändern.

Vor allen Dingen kommt für uns in Betracht, ob die Bibel eine Änderung der Abendmahlsfeier zuläßt. Der Wortlaut Matth. 26, 27-28, Markus 14, 23—24, Luk. 22, 17. und 20 im Urtext legt den Nachdruck darauf, daß alle (pantes) trinken, also von dem Wein, den der Herr ihnen

gegenüber den Passahgebräuchen, welche dem streng jüdischen Saulus doch sehr heilig waren, eingeführt hätte. Ja, die Parallele mit dem Genuß des heidnischen Opferweines und der Opferspeise (1. Kor. 10), in welche Paulus das heilige Abendmahl stellt, zeigt zur Evidenz, daß zu seiner Zeit ein Trinken der Gläubigen aus einem gemeinsamen Trinkgefäß gar nicht stattgefunden haben kann, und daß man ein Wertlegen auf die Sitte gar nicht kannte. Auf das Trinken von dem Abendmahlswein kam es nur an. Darauf liegt nach Paulus das Schwergewicht in der Feier des heiligen Abendmahls.

Dementsprechend sehen wir, daß die urchristliche Gemeinde

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WAPPEN IN 3 VERSCHIEDENEN STILARTEN. (1. ROMANISCH, 2. GOTISCH, 3. RENAISSANCE.)

VON G. OTTO, HOFGRAVEUR, BERLIN.

gab, genießen sollten, keineswegs aber ruht der Schwerpunkt darauf, daß sie aus demselben Trinkgefäß trinken sollten. Ja, es ist die Annahme berechtigt, daß die Jünger sich den Inhalt des Bechers teilten, indem sie den Wein in die vor ihnen stehenden Becher gossen; denn bei der jüdischen Passahfeier hatte jeder Teilnehmer sein Trinkgeschirr vor sich, (vergl. michan Aruch I & 472. 9). Gemeinsame Kelche kennt die

he Passahfeier nicht. Darauf weist auch der Ausdruck kas hin: teilet ihn unter Euch. Daß die Jünger den des Kelches in ihre einzelnen Trinkgefäße gegossen,

er aus einem gemeinschaftlichen Kelche getrunken gent auch aus 1. Kor. 11, 25 hervor, wo Paulus nur niken redet, nicht aber erwähnt, daß das aus einem schehen sei. Er hätte das sicher erwähnt, weil das cher Brauch war, Christus also etwas Neues

nur Wert legt auf das Trinken vom gesegneten Wein, aber nicht auf das Trinken aus dem gemeinschaftlichen Trinkgefäß; denn sie feiern das Herrenmahl gruppenweise. Ap.Gesch. 2, 46 sagt: Sie brachen das Brot hin und her in den Häusern. Später lesen wir, daß das Sakrament den Abwesenden (Kranken, Aussätzigen) gebracht wird; hierbei mußte von selbst für jeden ein besonderes Trinkgefäß verwendet von selbst für jeden ein werden. Es war überhaupt eine Verteilung der Abendmahlsgaben durch die Diakonen in der apostolischen Zeit Sitte, wozu jeder seinen Becher mitbrachte. Daß mehrere Becher gebraucht wurden, zeigen auch die Skulpturen der Katakomben z. B. Fresko der heiligen Agnes, das himmlische Mahl, welches fünf Gläser zeigt, ebenso andere Funde von Gläsern mit eingetrocknetem Abendmahlswein in den Katakomben. Erst Gregor II. 714 -731 drang auf einen Kelch. Es wurden

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