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Die Entwickelung der Formen.

gezogen, ist so ganz mit neuem Leben dadurch erfüllt worden

als das Zinn. Man kann aber auch sagen, daß die moderne Als, im Anfange der neunziger Jahre, man anfing, sich Kunst dem Zinn viel verdankt, das mit der Eigenart seiner von den historischen Stilvorbildern abzuwenden, geschah dies Struktur, mit seinem matten, ruhigen Farbton dem Bedürfnis unter dem Feldgeschrei des Naturstudiums. Überall ward in nach weicher, fließender Formgebung, handlicher Gestaltung lauter Begeisterung die Rückkehr zur Mutter Natur gepredigt und dekorativer Wirkung so sehr entgegenkam. In der Tat, und gelehrt, überall wurde die Pflanze studiert und dekorativ wenn wir das Gebiet des Zinns, des Kupfers, des Silbers verwendet, und es gab Leute, welche allen Ernstes hofften, und des Goldes, also der gesamten Feinmetallkunst, überes würde in Zukunft auf dem Werkbrett des Gold- und Silber- blicken, so hat eigentlich keines eine so typisch moderne schmiedes ein Blumenzweig oder ein grünes Blatt die Orna- Formenwelt entwickelt als eben das Zinn. mentvorlage ganz verdrängen. Eine Zeitlang hatte es auch Wenn wir nach einer Bezeichnung für den Formentypus wirklich den Anschein dazu. Wie oft ist allein die Schwert des modernen Zinngerätes suchen, so werden wir sagen können, lilie damals verwendet, behandelt und mißhandelt worden! daß es im allgemeinen den Charakter des in weicher Masse Es schien fast, als sei sie bestimmt, einmal die Rolle des Modellierten trägt, daß es überall weniger die Spuren des in seligen Akanthus zu spielen. Aber es ist ganz anders ge- Metall arbeitenden Werkzeuges als der drückenden und kommen. An die Stelle des unbedingten Naturalismus trat formenden Künstlerhand zeigt, — wie es für die Gußtechnik, die van de Velde-Linie und dessen „mißgestaltet Zwitterkind“, die hier vorzugsweise angewendet wird, angemessen und naturder gekränkte Regenwurm. An Stelle des idyllischen Blüten- gemäß ist. Ursprünglich ging ja die Wiederbelebung des Zinns zweiges auf dem Werkbrett traten die modernen Kunstzeit- von Paris aus, wo Ledru u. a. ihre so vorzüglich modellierten schriften; unsere Kunstkritiker pflegten und pflegen dies sehr Vasen und Zierteller mit allerhand naturalistischem Dekor zu beklagen, daß nun die alte Kopiererei, nur mit neuen Vor- schufen. Sie bevorzugten eine glanzlose, dunkeltönige Zinnlagen, wieder losginge. Ich kann mir nicht versagen, es da- komposition, die geeignet erschien, alle Feinheiten ihrer gegen einmal öffentlich auszusprechen, daß das nicht nur ein Modellierung wiederzugeben. In Deutschland hat die Zinnkunst unvermeidlicher, sondern auch ein unentbehrlicher Vorgang ist, eine viel breitere und weitergreifende Entwickelung genommen. und daß nur auf diese Art die Neuerfindungen und Anregungen Was wird bei uns gegenwärtig nicht alles in künstlerischer unserer führenden Künstler zum Allgemeingut werden können. Zinnware angefertigt! Tafelaufsätze, Platten, Geschirr, BierDaß sie aber das werden, ist sehr viel wichtiger und be- krüge, Schreibtischausstattungen, Rauchzeug, Spiegelrahmen. deutungsvoller, als daß jeder Stümper sich für einen selbst- Ziergefäße, Jardinièren, kurz, das Zinn hat sich eigentlich das ständigen Künstler hält, weil er Blumen nach der Natur pfuscht. ganze Gebiet des Groß- und Kleinsilbers, mit Ausnahme des – Auch die geschwungene Linie, dieser erste Ansatz zu Schmuckes, erobert. Und an der Spitze des Kunstzinnes einem modernen Ornament, hat sich in ihrer Ausschließlich steht Deutschland. Man braucht nur den Namen Kayserzinn zu keit überlebt. Es kam die Periode, wo die Darmstädter mit nennen, um das Gesagte zu beweisen. Daneben sind noch eine ihren strengen und schlichten Formen Einfluß gewannen, wo, Anzahl ähnlicher Metallkompositionen in Aufnahme gekommen: besonders bei uns in Deutsch

Orion, Orivit, Silberzinn. Beland, die Naturform mehr und

sonders ist der helle, schmucke, mehr in den Hintergrund trat,

silberähnliche Farbton dieser und der größte Nachdruck auf

neueren Kompositionen zu beEinfachheit und Charakter in

merken, der die daraus herder Ornamentik und im Ent

gestellte Ware besonders gut wurfe gelegt wurde. Und neuer

zum Tafelschmuck geeignet erdings fängt die gerade Linie,

scheinen läßt. Kurz, die modie zu Anfang der modernen

derne Zinnkunstindustrie bietet Stilentwicklung fast verschwun

zur Zeit in Deutschland ein den war, wieder an, eine sehr

wirklich erfreuliches Bild. bedeutsame Rolle zu spielen.

Die anderen Kulturländer Diese verschiedenen Ent

haben dem gegenüber wohl wickelungsphasen der moder

vereinzelte künstlerische Leisnen Handwerkskunst sind aller

tungen, aber nicht diese fabrikdings nur der gemeinsame

mäßig geleitete und doch künstBoden für die spezielle For

lerisch lebendige Produktion menentwickelung der Fein

zu verzeichnen: Aus Dänemark metallkünste. Und wenn wir

kommen gegenwärtig eigenartig im Verlaufe unserer Betrach

anmutende Zinnarbeiten (aus tung finden werden, daß diese

Mogens Ballins Werkstätte in sich, je nach Material und Ge

Kopenhagen) nordisch robust, brauchsbedingungen, charakte

ja derb, aber urgesund und ristisch nach verschiedenen

originell mit ihren merkwürdiRichtungen entwickelt haben,

gen Ornamenten und derben so werden wir das als ein

Gravierungen. Statt des GeZeichen gesunden handwerks

schmeidigen und Fließenden, gerechten Kunstempfindens an

was unsere deutschen Zinnsehen können.

arbeiten an sich haben, ist

mehr das Massive und WuchDas Zinngerät.

tige im Charakter des Metalles

betont. In England, dessen Das Zinngeräte ist, soweit

neuzeitliche Handwerkskunst es sich um künstlerische Ware

sich noch weniger mit dem handelt, ein Kind des modernen

Zinn befaßt hat, sind höchst Stils. Kaum ein anderes Metall

SILBERBECHER,

eigenartige und feine Treibhat so viel Nutzen aus ihm ENTWORFEN VON LUDW. GEISSINGER, BERLIN. arbeiten, zarte Flachreliefs, in

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beschlag, ist ja das Neueste des Neuen, und man kann sagen, daß sich auch hier schon, wie bei dem Zinn, eine eigene, dem Metall sozusagen auf den Leib geschnittene Formensprache entwikelt hat. Hat das Zinn mehr gezogene Formen, so das Kupfer mehr herausgetriebene, kantige Zierglieder. Und besonders, da es doch als Blech bearbeitet und behandelt wird, finden wir hier beschlägartige Motive viel vertreten. Sein tiefer, ruhiger Glanz macht es zur Verbindung mit andersartigem Material wohl geeignet. Besonders die englische Edelschmiedekunst hat diese Eigenschaft mit Vorliebe verwertet. Wir finden hier das Kupfer u. a. auch mit Elfenbein zusammen verwendet, und namentlich auch mit jener breit und flächig arbeitenden Kunstemaillierung dekoriert, die sich in England in letzter Zeit so besonders entwickelt hat. Für allerhand Kleingeräte, Rauchzeug, Leuchter und dergl., wird gern die Zusammenstellung von Kupfer mit Schmiedeeisen verwertet, was handfeste und doch zugleich zierlich anmutende Arbeiten ergibt. Feine, auch figürliche Treibarbeiten in Kupferplatten sind als Möbeleinlagen beliebt, wie auch in gleicher Art Spiegel- und Bilderahmen gefertigt werden, wobei eine hauchartige Zartheit der Treibtechnik bevorzugt wird. Das ist auch eine der Errungenschaften des modernen Stils, daß die Kunst des Metalltreibens sich aus der handwerksmäßigen Härte und Überladenheit der Behandlung in eine größere Weichheit und Einfachheit hineingefunden hat; ein geschickter, künstlerisch arbeitender Ziseleur verzichtet heute darauf, die Kontur erst scharf auf dem Metall „vorzutracieren“, er arbeitet den Umriß erst allmählich

glänzenden Traditionen des 18. Jahrhunderts aufgebaut, und die figürliche Kleinplastik hat überhaupt ganz besonders schwer um eine der Neuzeit entsprechende, materialgerechte Formensprache zu ringen gehabt. An allen Kleinbronzen sah man zu sehr die glättende Arbeit von Modellierholz und Schabinstrument. Die tiefe, mächtige Glanz- und Farbenwirkung der edlen Bronze verlangt aber durchaus eine vereinfachte, flächig wirkende Behandlung, die wir an ihren neueren Erzeugnissen denn auch erfreulicherweise überall angewendet sehen. Die Vorliebe für kleinere Kunstbronzen ist in der neueren Zeit wieder sehr gestiegen, auch bei uns in Deutschland, wenngleich wir natürlich in dieser Beziehung hinter Frankreich mit seiner alteingesessenen, ebenso gewandten wie leistungsfähigen Bronzeindustrie noch zurückstehen müssen. In modern - künstlerischer Beziehung aber, was die charaktervolle Behandlung der Form als solche anlangt, sind wir Frank

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reich mindestens ebenbürtig, wo nicht über

Spezialität ein großer. Auch rekrutiert sich legen. Ein erfreuliches Zeichen ist es, daß

das Käuferpublikum für gediegene Silberdie Kunstbronze neuerdings anfängt, auch

ware bis jetzt noch vorzugsweise aus konin das Gebiet des Kleingerätes vorzudringen,

servativen und aristokratischen Kreisen, die z. B. sieht man da und dort Schreibtisch

ebenfalls eine gewisse feudale Vorliebe für ausstattungen, Blumenvasen und dergl. in

historisch bewährte Formen haben. Bronze, deren Patinierung übrigens neuer

Im großen und ganzen ist aber heute dings an Stelle der früher beliebten hellen,

auch für die Silberwarenfabrikation die mosüßlichen Töne mehr die tiefen und ernsten

derne Richtung maßgebend geworden. Ein Nuancen bevorzugt.

so einheitliches Bild, wie etwa das Künstler

zinn, bietet freilich das Künstlersilber der Die Plakette.

Gegenwart nicht. Das mag von der größeren

technischen Vielseitigkeit des Silbers herHier muß auch die moderne Plakette

kommen, das ebenso leicht und dankbar und Medaille erwähnt werden, die gegen die

sich in die einfachsten, glatten Gebrauchsfrüheren Jahre ja einen bedeutenden Auf

formen wie in ornamentale Ausgestaltung schwung genommen hat. Rein künstlerisch

oder in rein bildhauerische Kleinplastik fügt. ist dieser Aufschwung allerdings nicht, d. h. wir

Man hat ja freilich schon viel geeifert, eineshaben köstliche Werke einer modernen Pla

teils gegen die Aufnahme der englischen kettenkunst aus Künstlerhand zu verzeichnen,

Gepflogenheit, Geräte und Gefäße in ganz aber doch auch noch recht viel handwerks

glatter, polierter Ausführung zu halten, wie mäßiges, was vom angestellten Stahlgraveur

auch gegen das andere Extrem, die Überfür industrielle Zwecke angefertigt ist und

flutung des Großsilbers mit Bildhauermotiven. diesen Ursprung nicht verleugnen kann. Da

Beides ist doch wohl, wie ich meine, eine es sich dabei fast immer um figürliche Dar

Frage des Maßstabes. Sowohl die glatte stellungen handelt, so macht sich ein Mangel

polierte Fläche als die Bildhauerplastik können der künstlerischen Qualität immer doppelt

dem Silbergeräte zugebilligt werden, wenn fühlbar. Mit einem ähnlichen Porträt und

beide im Rahmen der Kleinkunst bleiben, einer sinnvollen Allegorie auf dem Revers

überhaupt das Feld nicht für sich allein beist es denn doch nicht allein getan. Da

anspruchen. Ubrigens muß den glatten Silbereine Plakette doch lediglich keinen Gebrauchs

gefäßen doch immer der Vorzug zugestanden sondern nur Kunstwert hat, so sollte ihre

werden, daß sie sachlich wirken, was immerHerstellung auch nur Sache des künstlerisch

hin mehr im Sinne der modernen Kunst ist qualifizierten Reliefplastikers sein. Nur dann

als eine Uberladung mit Figurenplastik. Diese werden wir an unserer deutschen Plaketten

letztere wird sich in der Silberschmiedekunst kunst jene Blüte erleben, um die wir die

der Gegenwart einer möglichst großen Zufranzösische heute noch beneiden müssen.

BELOBUNG A. SPRÖSSLER

rückhaltung zu befleißigen haben, um den

Zweck oder den Charakter des Gefäßes oder BEI W. BINDER.

Gerätes an sich nicht zu verdecken. Groß- und Klein-Silberwaren.

AUS DEM

In den modernen Erzeugnissen der SilberDas Besteck. Der Tafelaufsatz.

F. W. MÜLLER-WETTBEWERB

warenindustrie hat der Empire-Stil Eingang Kirchengeräte.

DER FACHSCHULE ZU

gefunden. Man kann nicht leugnen, daß

diese Mischung des Modernen mit dem Die Groß- und Klein-Silberwarenindustrie

SCHW. GMÜND 1903.

Empire recht reizvolle Arbeiten gezeitigt ist nicht so ohne weiteres für den modernen

hat. Ich sage Mischung. Denn von einer Stil zu haben gewesen, und hält heute noch in manchen genauen Nachahmung des echten, alten Empire-Stiles ist Spezialitäten am Alten fest. Auch hier ist ohne Zweifel wieder glücklicherweise fast nirgends die Rede. Es sind meist vieles auf den Pariser Einfluß zurückzuführen; die franzö- moderne Grundformen mit Empire-Motiven ausgestattet. Ein sischen Silberschmiede mit ihrer glänzenden Tradition hielten Blattkranz, ein Kranzgehänge, geradlinig gezeichnete Voluten, naturgemäß an den historischen Stilen fest, und ihr Einfluß ein rechtwinklig abgesetzter Henkel genügen, um ein Stück auf den allgemeinen Geschmack ist ja heute noch in ihrer auf „Empire“ zu taufen. Auch diese Mode, – denn weiter ist

es nichts, – ist uns von Paris gekommen. Wirklich einheimisch wird sie in Deutschland wohl kaum werden.

Auch sonst ist die Mischung in den Stilströmungen der besseren Silberware noch ziemlich bunt. Rokoko und Renaissance sind noch nicht ganz ausgestorben, der moderne Naturalismus macht sich noch ziemlich breit. Aber die strenge, sachliche und einfache Art der guten Moderne macht sich erfreulicherweise immer mehr geltend. Dass man das blanke Silber wieder mehr sehen läßt, nach dem vielfachen Wechsel von matt und blank, oxydiert und durchgeputzter Vergoldung, ist als Rückkehr zu größerer Einfachheit nur erfreulich. Denn freilich, das blanke Silber verlangt zwar feinabgewogene und bewegte Verhältnisse, aber zugleich auch die einfachste Formengebung

gemäß, daß diejenigen kirchlichen Goldschmiedearbeiten, die für bestehende, ältere Kirchen gefertigt werden, sich im Stil an die vorhandene Ausstattung des Gotteshauses anfügen. Aber trotz aller dieser Kenntnisse läßt sich doch deutlich auch hier so etwas wie das Wehen eines neuen Geistes verspüren. Nicht mehr wie bisher herrscht die Gotik unbedingt. Wo es angängig ist, werden mit ersichtlicher Vorliebe die breiteren, einfacheren Formen des romanischen Stiles verwendet und zugleich in einer entschieden freieren und selbstständigeren Weise gearbeitet, als dies bisher der Fall war. Und die zwar gediegene, aber doch etwas handwerksmäßig arbeitende Tradition unserer kirchlichen Goldschmiedewerkstätten fängt da und dort an, durch die Mitarbeit bedeutender Künstler aufgefrischt und verjüngt zu werden.

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Im Besteck, in diesem konservativsten Bestandteil der Silberware, ist endlich auch frisches Leben zu spüren. Man wechselt nicht nur in der Ausstattung, also zwischen Ornament und Faden, sondern man sucht auch die Grundformen, die Griffe, die Löffelschale, die Gabelzinken usw. in neuer, origineller und sachgemäßer Weise auszubilden. So hat man denn die im Grunde genommen architektonische Grundform, wie sie bisher üblich war, verlassen, und zeichnet den Griff in geschwungener Form, so daß er sich in die Handhöhle hineinfügt, und sucht auch sonst neue Gebrauchsmöglichkeiten für die äußere Form herauszubringen, wie eigenartig geschweifte Messerklingen, schaufelartig gestaltete Gabelzinken und anderes mehr. – Auch der Tafelaufsatz ist praktischer geworden und besteht jetzt meistens aus einer breit und flach hingelagerten oder auf schlankem Fuß aufgebauten Blumenund Fruchtschale. – Als ein Zeichen des wiedererwachenden Interesses für die Silberschmiedekunst ist es zu begrüßen, daß unsere größeren und wohlhabenden Städteverwaltungen wieder anfangen, sich um die Beschaffung eines städtischen Silberschatzes zu bemühen.

Ganz abseits von den neueren Kunstbewegungen scheint eine große und blühende Spezialität der Gold- und Silberschmiedekunst zu stehen, nämlich die Erzeugung kirchlicher Geräte und Gefäße. Abgesehen von dem kirchlichen Konservativismus an sich, der meist unbedingt an den durch die Tradition geheiligten Formen festhält, ist es ja auch natur

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Der Schmuck. Silberschmuck. Goldschmuck. Der Ring.

Juwelenschmuck. Am lebhaftesten war der Kampf der neueren Kunstströmungen im Schmuck zu spüren, namentlich im Silber- und unechten Schmuck. Hier hat der moderne Naturalismus, die LaliqueNachahmung, die Darmstädter Art stets besonders rasch und durchschlagend Platz gegriffen, um freilich auch jeweils rasch wieder zu verschwinden. Auch die Empire-Mode ist hier schon eingedrungen, hat aber wie es scheint, den Höhepunkt ihrer Beliebtheit bereits wieder überschritten. Der Silberschmuck hat für uns

Deutsche in der Beziehung eine besondere Bedeutung erlangt, als sich hier ein künstlerisch erfolgversprechender, spezifisch deutscher Geschmack entwickelt hat, der für die Zukunft entschieden zu den besten Hoffnungen berechtigt. Das ist ein Moment, das ja nicht unterschätzt werden darf. Wir verstehen so gut, den Geschmack anderer Nationen nachzuahmen; sollten wir nicht auch einmal etwas herausbilden, was uns andere nicht nachahmen können?

Der Silberschmuck ist auch diejenige Schmuckspezialität, die es am ehesten verstanden hat, mit ihren großzügigen und einfachen Formen sich dem Charakter der modernen Straßentoilette anzupassen. Namentlich hat sich der Brustanhänger aus Silber eingebürgert. Die Gürtelschließe ist, vermöge der überfallenden Bluse, die gegenwärtig so modern ist, momentan mehr in den Hintergrund getreten, d. h. fürs Auge. Ge

tragen wird sie wohl noch so häufig wie bisher. Die weniger besonders gut. Die starke Linienwirkung der Kette bringt durch ihr Feuer als durch ihre weichen Farbtöne wirksamen es mit sich, daß sie sich auch auf dem Untergrunde der verHalbedelsteine, und das ähnlich wirkende matte Email und schiedensten Stoffe und Macharten des Straßenkleides durchsetzt Email à jour sind beliebte Dekorationsmittel für den Silber - Der Fingerring, der wohl auch immer eine besondere schmuck. Im ganzen hat sich die Mitwirkung der Künstler Domäne der Goldbijouterie bleiben wird, hat besonders in gerade hier am bedeutungsvollsten und dankbarsten erwiesen. fein ziselierter Ware erfreuliche Leistungen aufzuweisen.

Als wesentlich schwieriger hat es sich gezeigt, in dem Eine eigentümliche Erscheinung ist es, daß von all den beSchmuck aus gutem Golde und aus Ganzededelsteinen rein deutenderen Künstlern, die für Schmuck gearbeitet haben, sich künstlerischen Bestrebungen zum Durchbruche zu verhelfen. eigentlich noch keiner mit dem Ring beschäftigt hat, - was Hierbei ist jedenfalls der konservative Geschmack der hierfür wohl auch damit zusammenhängt, daß die Kunst des Ringes wesentlich in Betracht kommenden Käuferkreise hauptsächlich noch mehr als jede andere eine spezielle Kleinkunst ist. als Hemmnis aufgetreten. Aber es wäre ungerecht, diesen Noch weniger hat die moderne Kunst, oder ihre berufenen allein dafür verantwortlich zu machen. Mitwirkend ist hier- Vertreter, sich mit der Juwelenbijouterie beschäftigt. Nicht einbei auch noch die Abneigung oder das Ungeschick der mo mal Lalique, der vielbewunderte, der mit seinen graziösen und dernen dekorativen Kunst überhaupt, in zierlicher und dataillierter sinnenschmeichelnden Werken eine so weitgehende wie verWeise zu arbeiten. Und darüber ist bei Schmuck aus gutem derbliche Nachahmungssucht erweckt hat, brachte hier neue Gold in Verbindung mit facettierten Ganzedelsteinen nun ein- Anregungen, weil er eben Juwelenstücke im engeren Sinne mal nicht wohl wegzukommen. Das ist eine Kleinkunst im gar nicht macht. Freilich sind Brillanten eben nicht das eigentlichen Sinne des Wortes, und für die Entwickelung einer Material, mit dem man Experimente macht, und die Käufer solchen hat sich die Neigung der modernen Kunst zu groß- von Brillantschmuck meistens auch nicht die Leute, die sich

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zügiger und dekorativer Wirkung noch wenig förderlich erwiesen. Es scheint aber, als ob die feine Bijouteriekunst neuerdings die richtigen Formen für modernen Goldschmuck zu finden anfinge. Man sieht in letzter Zeit namentlich feine Goldanhänger von so einfachen und dabei zierlich-pikanten Formen, daß das Problem hier, wenn auch nicht in umfassender Weise, gelöst erscheint. Die große Vorliebe, die eine zeitlang für transparent, meistens grün emaillierten Goldschmuck („Grüner Genre“) herrschte, hat nachgelassen. Man zeigt gerne wieder ausschließlich die Goldfarbe. Im Gegensatz zum Silberschmuck eignet sich die moderne Goldbijouterie, — mit Ausnahme der Brosche natürlich, — mehr dazu, auf der bloßen Haut als auf dem Kleide getragen zu werden. Also die Anhänger zu dem ausgeschnittenen Kleide oder das Armband auf dem bloßen Arm. Zu dem letzteren ist zu bemerken, daß das starre Reifenarmband, das unsern Kunstästhetikern allerdings immer ein Dorn im Auge war, sozusagen verschwunden ist; man trägt nur noch Ketten- oder Gliederarmbänder. Überhaupt ist das Gebiet des Kettenschmuckes noch ein ergiebiges Feld für die feine Goldbijouterie, wenn sie auch hierin vom Doublé scharfe Konkurrenz erfährt. Das Feine, Zierliche und Geschmeidige, was die Kette hat, entspricht eben dem Charakter des Goldes

rückhaltslos für den modernen Stil begeisterten. So haben wir denn freilich ausgefaßten Schmuck in moderner Linienführung, aber wir können nicht in dem Sinne von modernem Brillantschmuck sprechen, in dem man etwa von neuerem Silberschmuck reden kann. Ohne Zweifel sind auch hier hochkünstlerische Leistungen zu verzeichnen, — man braucht nur an die Arbeiten Vevers von der Pariser Ausstellung zu denken – aber ein fester, moderner Typus ist nicht vorhanden. Namentlich ist das Prinzip möglichster Ruhe und Einfachheit, zu dessen Betonung der moderne Stil sich glücklicherweise durchzuringen beginnt, hier noch wenig zum Ausdruck gekommen. Das Haupthindernis wird wohl daran liegen, daß eben überall erst Versuche gemacht werden müßten, wofür hier das Material doch zu teuer und das kaufende Publikum zu exklusiv ist.

Wenn im Vorliegenden auch nur einzelne Punkte hervorgehoben werden konnten, so mag es doch nicht ohne Interesse sein, einmal einen solchen Überblick sich zu verschaffen. Ein solcher vermag immerhin wertvolles Vergleichsmaterial zu bieten und zu zeigen, in welcher Weise die moderne Gewerbekunst fördernd und neubildend in die verschiedenen Gebiete der Feinmetallkunst eingegriffen hat.

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