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schriften; denn hätte der Korrektor die Entwürfe der Äbtissin in Verse bringen sollen, so wäre, falls er dessen überhaupt imstande war, jedenfalls von der Arbeit der Verfasserin sehr wenig übrig geblieben. Eigentümlich berührt es, diese Entwürfe in der Wiesbadener Handschrift, in der allein sie sich finden, in Musik gesezt zu sehen. Ob die Komposition von Hildegard herrührt, ob ein anderer deren Dichtungen" vertont hat, das zu entscheiden haben wir keinerlei Anhaltspunkte.

Anderer Art find die Dichtungen der Herradis von Landsberg. über ihre Lebensumstände sind wir sehr viel schlechter unterrichtet als über die ihrer großen Rivalin. Nachfolgerin der gelehrten Äbtissin Relindis († 1167), die auf Hohenburg die Regel des hl. Augustin eingeführt oder wiederhergestellt hatte, gründete sie die Priorate St. Gorgon und Truttenhausen und bereicherte die Bibliothek ihres Stiftes durch eine kunst- und kulturhistorische Handschrift, die vor allem bestimmt war, ihren Namen zu verewigen. Der ,,Hortus deliciarum", dies war ihr Titel, stellt sich als eine Art vorwiegend theologischer Encyklopädie dar, und war mit interessanten, vielbesprochenen Miniaturen geziert. Die Handschrift wurde den 23. August 1870 ein Raub der Flammen. In dem Lustgarten" der Herradis befanden sich auch eine Reihe von Dichtungen, die man alle unbesehen der Sammlerin zuschrieb. Ich habe anderwärts nachgewiesen (Zeitschrift für kath. Theol. XXIII, 632 ff.), daß dies untunlich ist, da einige Gedichte älter sind als Herrad, andere Akrostichen haben, die andere Verfasser mit Namen nennen. Es bleibt aber immer soviel übrig, daß die Hohenburger Äbtissin gedichtet hat und die lateinische Sprache hinreichend meisterte, um Gefühlen schlichter Frömmigkeit ein schmuckloses aber ansprechendes Gewand geben zu können.

Wir haben bisher nur einen Arm des Stromes der uns beschäftigenden Literatur verfolgt, den, welchen wir mit den Namen der Dichter in Verbindung bringen konnten. Parallel mit diesem läuft ein anderer, unvergleichlich mächtigerer Strom, der der anonymen Dichtung. Er verhält sich zu dem, was wir besprechen konnten wie eins zu zehn oder vielleicht zu hundert. Denn wir müssen es fast als eine Ausnahme ansehen und empfinden, wenn wir in der Lage sind, Hymnen mit bestimmten Dichternamen in Verbindung zu bringen. Zur Vollständigfeit würde es gehören, daß wir auch dieser Literatur nachgingen, die quantitative und qualitative Entwicklung der einzelnen Dichtungsarten in diesem Zeitabschnitte ins Licht seßten und hervorragende Erscheinungen würdigten. In den bescheidenen uns gezogenen Grenzen ist ein solches Unterfangen indes vollkommen ausgeschlossen. Es muß uns genügen, wenn es uns gelingt, jenen ersteren, weniger reichen Arm einigermaßen zu verfolgen.

VI. Das Spätmittelalter.

Das vierzehnte und in weit höherem Grade das 15. Jahrhundert bedeuten für die hymnische Lateindichtung eine langsame, aber stetig fortschreitende Abwärtsbewegung von der Höhe, auf welche sie sich im zwölften Jahrhundert erschwingt, im dreizehnten behauptet. Die Zahl der Dichter, die sich an dem Weiterbaue beteiligt, wächst, aber es fehlen unter ihnen Männer von der Bedeutung, wie wir sie in den beiden Jahrhunderten der Blüte bewundern konnten. Ebenso schwillt der große Strom der Poesie, die an keine Verfassernamen geknüpft ist, noch zusehends an. Noch immer finden sich gute und beste Leistungen darunter, aber in schwächerem Prozentsag und ohne daß sie den allmählichen Verfall aufhalten können. Es ist von Interesse zu beobachten, daß die Form da, wo sie sich am schönsten entwickelt hatte, in Frankreich, am schnellsten sich zu verdunkeln scheint. Der Sprachakzent, auf dem die ganze rhythmische Dichtung sich aufbaut, ist bei Abälard noch nicht auf der sonnenlauteren Höhe, auf dem wir ihn bei Adam von St. Viktor finden, und bei Philipp de Gréve hat er schon wieder verloren. Er sinkt nun rasch und unaufhaltsam wieder zum System des Silbenzählens zurück, von dem die Hymnendichtung im 10. Jahrhundert begann sich allmählich zu erheben. Ähnlich wie in Frankreich blühte und zerfällt die Form in England

und Deutschland, hier vielleicht weniger rasch, während fie in Italien nie die Vollendung erlangt, welche wir sie in Frankreich erreichen sehen.

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An den Anfang dieser Periode gehört der Dichter zahlreicher, mit Recht berühmter italienischer religiöser Lieder (Laudi), Jacopone da Todi († 1306), der von Bonifaz VIII. eingekerkerte Franziskanersänger, den wir als Verfasser des weltbekannten Stabat mater, wohl der schönsten Marienklage" des Mittelalters, anzusehen gewohnt sind, obschon diese Anschauung schweren Bedenken, vor allem absoluten Schweigens der gleichzeitigen Ordensgeschichte wegen, unterliegt. Es verdient übrigens darauf hingewiesen zu werden, daß die Form des Liedes nicht völlig auf der Höhe Adams von St. Viktor steht, indem wir hier die von diesem peinlich beobachtete Cäsur nach der ersten Dipodie des ersten und zweiten, vierten und fünften Verses vernachlässigt finden.

In deutschem Gewande lautet der klassische Sang von der weinenden Madonna:

Nr. 33.

Stand die schmerz und tränenreiche
Mutter, wo der todesbleiche

Sohn am Kreuzesstamme hing;
Durch ihr Herz, das angsterfüllte,
Kummerschwere, nachtumhüllte,

Eines Schwertes Schärfe ging.

Wie betrübt, wie grambeladen
Mocht' die Mutter voller Gnaden
Jenes Eingebornen sein,
Wie mocht' zagen sie und klagen,
Was ertragen, da sie schlagen

Sah den Sohn ans Kreuz der Pein!

Wessen Auge würd' nicht tauen,
Könnt' es Christi Mutte hauen
In so großer Traurigkeit?

Wer möcht' nicht vor Gram vergehen,
Könnt' die Liebende er sehen
Teilen ihres Sohnes Leid?

Um der Menschheit Schuld zu zahlen,
Sieht sie Jesum herbe Qualen

Dulden und der Geißel Schlag,
Sieht den Sohn, den lieben, lechzen,
Hört ihn seufzen, hört ihn ächzen,
Schaut ihn sterben allgemach.

Fromme Mutter, Liebesbronnen,
Laß mich, ganz von Schmerz durchronnen,
Mit dir trauern um dein Weh'!
Gib, daß sei mein Herz getrieben,
Jesum Christum so zu lieben,

Daß er huldreich auf mich seh'!

Heil'ge Mutter, jene Schmerzen
Des Getreuzigten dem Herzen

Präge ein sie mächtiglich!
Was erdulden ohn' Verschulden
Mußt' dein Sohn für mich, in Hulden
Laß mit dir es teilen mich!

Laß mein Weinen um den Reinen
Mit dem deinen sich vereinen

Bis zu meiner legten Stund'; Trauernd mich mit dir zu sehen An dem Fuß des Kreuzes stehen,

Sehn' ich mich aus Herzensgrund.

Jungfrau, aller Jungfrau'n Krone,
Gnädig sei mir Erdensohne,

Laß mich traurig sein mit dir!
Laß mich tragen Christi Plagen,
Und die Wunden, ihm geschlagen,

Wie sein Tod sei'n heilig mir!

Gib, daß Christi Leid ich koste,
Laß mich trunken sein vom Moste
Seiner Liebe ewiglich!

Gib mir Licht des ew'gen Lichtes,
Dreves, Die Kirche der Lateiner. (S. K.)

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