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sechsten und neunten, am häufigsten nur im neunten auf. Sie sind dann in der Regel kurze, ein-, zwei-, oder dreistrophige Dichtungen, die mit dem Kunstausdrucke Verbeten (Verbeta, dafür auch Profula, Prosella oder schlechthin Tropus) benannt werden. Es versteht sich von selbst, daß diese Einschiebsel nur insoweit zur Hymnendichtung zählen, als sie poetische Einschiebsel sind.

II. Poesie des Missale (oder Graduale).
Hierher gehört:

1. Der Prozessions hymnus. Er unterscheidet sich vom Hymnus im engeren Sinne oder vom Brevierhymnus nur durch die verschiedene liturgische Verwendung, sowie durch eine ausgesprochene Vorliebe für den Rundreim.

2. Die Sequenz. Ein seit dem Ende des 9. Jahrhunderts auftretender Fest-Hymnus, der nach der Epistel gesungen ward. Er unterscheidet sich vom Hymnus liturgisch durch seine Verwendung in der Messe, musikalisch durch die durchkomponierte Melodie, deren Phrasen je zweimal von zwei Chören (Männer- und Knaben-Chor) gesungen wurden (Parallelismus), tertlich durch die völlig verschiedene poetische Struktur. Bekannt über 4000.

3. Der Tropu 3. Wie vorbeschrieben, poetische Einschiebsel in Kyrie, Gloria, Sanktus, Agnus Dei, Epistel (Epîtres farcies) und andere teils stehende, teils wechselnde Teile der Messe (Introitus, Graduale, Offertorium, Communio).

B. Nicht liturgische Poesie.

1. Das geistliche Lied für die Privatandacht und das Privatbelieben des Einzelnen; weil in der Regel nicht zum Gefange bestimmt, auch Leselied oder Reimgebet benannt.

2. Spezialitäten des Reimgebetes:

a) Stundenlieder, d. h. Reimgebete, welche für jede der sieben kanonischen Tagzeiten (f. o. S. X) ent= weder eine Strophe oder eine Strophengruppe vorsehen.

b) Gloffenlieder, welche jedes Wort eines vorhandenen Tertes (des Pater noster, Veni creator, Salve regina, am häufigsten des Ave Maria) in einer eigenen Strophe umschreiben und erweitern.

c) Psalterien, d. h. Reimgebete von 150 Strophen, meist auf Christus oder Maria, die ursprünglich in jeder Strophe auf den der Strophenzahl_ent= sprechenden Psalm irgendwie anspielend Bezug nehmen. Später auch ohne solche Anspielung und Bezugnahme.

d) Rosarien, ähnliche Reimgebete von nur 50 Strophen und ohne Bezugnahme auf die Pfalmen. C. 3 witter.

Zwischen der liturgischen und nicht liturgischen Poesie nimmt eine eigentümliche Mittelstellung die Cantio ein, d. h. ein privater Anregung sein Entstehen verdankendes, und insofern nicht liturgisches, zum Gefange bestimmtes Lied, das streng genommen zu Unrecht, infolge von Mißbrauch einerseits, von Duldung andererseits während der Liturgie des Gottesdienstes, hauptsächlich während der Liturgie des festtäglichen Amtes verwendet wurde; also, wenn man will, ein nichtliturgisches Lied in der Liturgie. Die Cantio entwickelt sich geschichtlich aus dem Tropus und leitet dies namentlich in Deutschland und vielleicht noch mehr in Böhmen zum kirchlichen Volksliede in der Landessprache hinüber, während sie in Frankreich vielfach zu bedauerlichen, uns schwer verständlichen Auswüchsen Veranlassung gibt.

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I. Die altchriftliche Symnendichtung.

Der Hymnus der lateinischen Kirche ist in seinen ersten uns bekannten Anfängen liturgischen Ursprungs. Wir haben daher dem Zeitpunkte nachzuforschen, da der= selbe in die Liturgie eintritt.

Schon frühzeitig scheint sich im Orient, der glutund phantasiereichen Heimat der Poesie aus dem alttestamentlichen Psalmengesange, den die Judenchristen aus der Synagoge in die junge Kirche herübernahmen, ein vom Psalmengesange verschiedener und zu unterscheidender Hymnengesang entwickelt zu haben. Spuren eines christlichen Hymnengesanges hat man schon in den Briefen der Apostel zu finden sich bemüht, ja es hat nicht an solchen gefehlt, welche den Hymnengesang an die Person des Stifters des Christentumes selbst anzuknüpfen versuchten. Sie glaubten aus den Worten des Matthäusevangeliums: „Und nachdem sie den Hymnus gesprochen hatten (vuvyoartes), gingen sie hinaus auf den Ölberg“ (Matth. 26, 30), schließen zu dürfen, daß der Herr nach dem Abendmahle einen Hymnus improvisiert und mit seinen Jüngern gesungen habe. Mit Unrecht. Der Dankeshymnus, den Christus anstimmte, war zweifelsohne das große Hallel (Psalm 112-118), welches jüdischer Brauch beim Ostermahle vorschrieb.

Dreves, Die Kirche der Lateiner. (S. K.)

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Bruchstücke altchristlicher, von inspirierten Brüdern vor der Gemeinde extemporierten Hymnen hat man in den Briefen des hl. Paulus zu finden geglaubt, so Ephes. 5, 14; 1. Tim. 3, 16; 2. Tim. 2, 11. Die erste und legte dieser Stellen sind offensichtlich Zitate; die erste lautet: Deshalb ist gesagt:

Wache auf, der du schläfst,
erstehe von den Toten

und erleuchten wird dich Christus."

Wir können aber auch ein Gedächtniszitat des Apostels vor uns haben, kombiniert etwa aus Isaias 60, 1 und 9, 2 oder 26, 19. Kaum anders verhält es sich mit den Stellen in den Briefen an Timotheus. An ersterer heißt es: „Und zugestanden groß ist das Geheimnis der Frömmigkeit,

welches offenbar geworden im Fleische,
gerechtfertigt ward im Geiste,
sichtbar geworden den Engeln
gepredigt ward den Heiden,
geglaubt ward in der Welt,
aufgenommen ward in Herrlichkeit.

Hier ist es die knappe Fassung und der rhythmische Fluß der Glieder (im griechischen Original), die den Gedanken an ein Zitat nahelegen. Wieder heißt es 2 Tim. 2, 11: ,,Zuverlässig ist das Wort:

Wenn wir sterben werden mit ihm,
werden wir auch mitleben,
Wenn wir dulden werden mit ihm,
werden wir auch mitherrschen,
Wenn wir ihn verleugnen,

wird er auch uns verleugnen,
Wenn wir ohne Glauben sind,

bleibt er uns doch getreu,

Er kann sich nicht verleugnen.

Noch mehr Tinte ist vergossen worden anläßlich der Worte des Apostels, Ephef. 5, 18 u. f.: „Und berauscht euch nicht mit Wein, sondern seid voll des heiligen Geistes, redend mit einander in Psalmen und Hymnen und geifttiden Siebern (ψαλμοῖς καὶ ὑμνοῖς καὶ ᾠδαὶς Avενuatixaïs), singend und jubelnd in euren Herzen dem Herrn." Es würde zu weit und doch zu keinem Ziele führen, wollten wir die verschiedenen Meinungen und Mutmaßungen auch nur oberflächlich skizzieren, die bezüglich des Unterschiedes zwischen den drei vom Apostel aufgezählten Arten von Gesängen ausgesprochen worden find. Das alles bleibt mangels tatsächlicher, geschichtlicher Anhaltspunkte notgedrungen Sache des Meinens und Wähnens. Es ist nichts daran zu ändern: Die Anfänge des spezifisch christlichen Gesanges bleiben mit einem für uns nicht zu durchdringenden Dunkel des Geheimnisses umhüllt.

Auch die Erwähnung des Hymnengesanges der Christen, sei es bei heidnischen Schriftstellern, wie bei dem jüngern Plinius oder bei Lucian, sei es bei älteren Vätern wie Justinus, Eusebius oder Tertullian fördert unsere Kenntnis nicht, da wir bei dem häufigen Gebrauch des Wortes Hymnus statt und im Sinne des Wortes Psalmus nie darüber ins Klare zu gelangen vermögen, ob ein vom Psalmengesange verschiedener Hymnengesang gemeint ist, oder ob das Wort Hymnus, selbst wenn es unmittelbar neben das Wort Psalmus tritt, nicht dies lettere nur erklären und verdeutlichen will.

Die ältesten christlichen Hymnen, die selbstredend keine lateinischen waren, haben wir uns jedenfalls als pfalmenartige ametrische und unrhythmische Gesänge zu denken, ähnlich dem Magnifikat und Benediktus, dem Gloria oder dem Te Deum, wie uns einige in griechischer Sprache aufbewahrt sind. Waren die Psalmen auch in

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