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der Kopien erleichtert, beim Ausglühen der Formen aber keinen Rückstand hinterläßt; endlich 4. soll es einen möglichst niedrigen Schmelzpunkt haben, damit das Negativ beim Aufgießen nicht beschädigt werde.

Der akademische Bildhauer Professor Karl Pugl in Gablonz a. N., der sich um die Ausbildung des modernen Gußverfahrens große Verdienste erworben hat, ist nach zahlreichen Versuchen zu einer Wachsmischung gelangt, die in vorzüglicher Weise alle die vielen Anforderungen der Praxis erfüllt. Das Rezept hierzu lautet: Man schmelze 300 g weißes Bienenwachs, 300 g gelbes Bienenwachs und 300 g japanisches Wachs zusammen, trage 100 g venetianischen Terpentin und 30 g Zinnober ein und verrühre gründlich.

Das weiße Wachs erteilt der Mischung die gewünschte Härte, sein Schmelzpunkt liegt bei 63–64 Grad C, der Erstarrungspunkt bei 61,5–62 Grad C. Das gelbe Bienenwachs macht sie weicher und geschmeidiger und, da sein Schmelzpunkt um 1,5–2 Gr. C tiefer als der des weißen liegt, auch leicht flüssiger. Das japanische Wachs ist ein vegetabilischer Talg, der unter andern wertvollen Eigenschaften auch jene besitzt, viel wohlfeiler als die erstgenannten Wachssorten zu sein. Der venetianische Terpentin hat den Zweck, den Schmelzpunkt bedeutend herabzusetzen; der Zinnober endlich erteilt der Mischung eine rote Farbe, ohne daß er beim Ausbrennen der Formen irgendeinen Rückstand hinterläßt, indem er sich bei höherer Temperatur vollständig verflüchtigt. Fürchtet man, daß die hierbei entstehenden giftigen Quecksilberdämpfe nicht vollständig durch die Esse des Brennofens abziehen sollten, so kann man statt Zinnober Alkannawurzelextrakt (Extractum alcannae) mit gutem Erfolge benützen. Ein treffliches Modellier- und Gießereiwachs liefert die Kunstgießerei Adolf Zasche in Gablonz a. N.

Hat der Goldschmied die Wachskopien retuschiert, so geht er daran, sie in eine Schamotte-Gipsmischung einzubetten. Die Charakterisierung der letzteren soll deshalb einen weiteren, und zwar den letzten Punkt dieses Artikels bilden. -

Schamotte ist zermahlener, totgebrannter Ton. Gewöhnliches Ziegelmehl, wenn es auch rötlich gefärbt ist, erfüllt seinen Zweck recht gut, besser aber ist das ungefärbte, also eisenfreie Schamottemehl, wie es jeder Baumeister für seine Zementierungen Verwendet.

Gips ist ein allgemein bekanntes Material. Vom chemischen Standpunkte aus besteht er aus schwefelsaurem Kalk, der in der Natur mit einem bestimmten, ca. 20 % betragenden Wassergehalt kristallisiert vorkommt. Entzieht man ihm durch Brennen so viel seines Kristallwassers, daß nur mehr ein Rest von ca. 3% übrig bleibt, so gewinnt er die Fähigkeit, in Pulverform mit Wasser angemacht, dieses unter Erwärmen zu binden und eine feste Masse zu liefern. Ein für Formerzwecke tauglicher Gips muß das Wasser langSam anziehen und sich streichen und bewegen lassen. Er soll sich beim Abbinden deutlich erwärmen und darf sich beim ErStarren nicht allzusehr ausdehnen oder treiben. Setzt man zu gutem Gips etwas Kalk, so wird das Schwindmaß herabgedrückt, und der langsamer bindende Gips zeigt eine feinkörnige Struktur, was für den Former von großem Vorteil ist. Auf Rotglut erhitzt, schmilzt der Gips, weshalb er ohne Beimengungen nicht für unser Gußverfahren verwendbar wäre. Um ihn feuerfest zu machen, setzt man ihm eine bedeutende Menge des obenerwähnten Schamottemehles zu, das gleichzeitig bewirkt, daß die Form äußerst porös wird, wodurch den aus dem Metall entweichenden Gasen zahlreiche Auswege geschaffen werden. Wie wichtig dies für den Gießer ist, weiß jeder Goldschmied, der nur einmal eine etwas größere Quantität Silber geschmolzen und die beim Erstarren auftretende Gasentwicklung beobachtet hat. Die Auffindung einer brauchbaren Masse hat zahlreiche Versuche erfordert, die der Bildhauer Prof. Karl Pugl im Verein mit dem Verfasser dieses Artikels angestellt hat. Mischungen aus 2 Teilen Gips, 3 Teilen Schamottemehl und 1 Teil Lehm, oder aus 2 Teilen Gips mit einem Kalkzusatz bis zu 10 %, 2,5 Teilen Schamotte und 1,5 Teilen Lehm, bewähren sich, sorgfältige Behandlung der Formen beim Brennen vorausgesetzt, ausgezeichnet. Die Mischung wird in der Art vorgenommen, daß der Former eine Blechschüssel zum Teil mit Wasser füllt und nun abwechselnd einen Löffel Gips und zwei Löffel Schamotte-Lehmmischung einrührt, bis er einen dünnen Brei erhält, den er dann über sein

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Die neuen Zolltarife im Ausland.

I. Österreich-Ungarn.

Der Zusatzvertrag zum Handels- und Zollvertrag zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn vom 6. Dezember 1891, der unter dem 25. Januar 1905 publiziert wurde, bringt wesentliche Abänderungen der bisher bestehenden Vorschriften, die für Fabrikanten und Grossisten, welche exportieren, wissenswert sind, um Weiterungen und Schädigungen zu entgehen. Es sei zunächst darauf hingewiesen, daß Edelmetallware, welche von Handlungsreisenden lediglich als Muster zum Zwecke des Vorzeigens im Eingangsvorvermerkverfahren gegen Zollsicherstellung eingeführt werden und daher nicht in den freien Verkehr übergehen dürfen, auf Verlangen der Partei vom Punzierungszwang zu befreien sind, wenn entsprechende Sicherheit geleistet wird, die im Falle des nicht termingemäßen Wiederaustrittes der Muster Verfällt. Kaufleute, Fabrikanten und andere Gewerbtreibende, welche sich darüber ausweisen, daß sie in dem Staate, wo sie ihren Wohnsitz haben, die gesetzlichen Abgaben für das von ihnen betriebene Geschäft entrichten, sollen, wenn sie persönlich oder durch in ihren Diensten stehende Reisende Ankäufe machen, oder Bestellungen nur unter Mitführung von Mustern, suchen, in dem Gebiete des anderen vertragschließenden Teiles keine weitere Abgabe hierfür zu entrichten verpflichtet sein. Vorgeschrieben ist eine Gewerbelegitimationskarte. Die mit einer Gewerbelegitimationskarte versehenen Gewerbtreibenden dürfen nur Warenmuster, aber keine Waren mit sich führen. Für andere als in der Karte genannte Gewerbtreibende

dürfen sie Geschäfte weder abschließen noch vermitteln. Auch dürfen sie ausschließlich im Umherreisen Bestellungen suchen und Ankäufe machen und nur Wiederverkäufer besuchen. Die Erzeuger und Händler von Uhren, Gold- und Silberwaren und ihre Reisenden, sowie die Juwelen- und Edelsteinhändler haben eine Ausnahmestellung, insofern sie die zu verkaufende Ware mit sich führen dürfen. Aber auch sie dürfen nur an Wiederverkäufer abgeben, da sie anderenfalls den Gesetzesvorschriften für Hausierer unterstehen. Es ist eine Anmeldung beim zuständigen Punzierungsamte zu bewirken, worauf eine punzierungsamtliche Legitimation ausgefertigt wird. Auf die eventuelle Befreiung vom Punzierungszwange haben wir schon oben hingewiesen.

Für die mitgeführten Muster werden, wenn sie binnen einer im voraus zu bestimmenden Frist wieder ausgeführt werden, keinerlei Zollabgaben erhoben. Doch ist der Zoll zu erlegen. Er wird in jeder beliebigen Grenzzollstation gegen Identitätsnachweis zurückgezahlt. Die Zölle des neuen Tarifes sind folgende:

Pos. 522. Waren aus unedlen Metallen oder Metalllegierungen, ganz oder teilweise vergoldet oder versilbert, mit Gold oder Silber plattiert oder in Verbindung mit feinsten Materialien: 240 Kr.

Pos. 567. Goldarbeiten und andere im allgemeinen Tarif nicht besonders benannte Waren, ganz oder teilweise aus Gold oder Platin, auch in Verbindung mit echten oder unechten Perlen oder Korallen, Edel- oder Halbedelsteinen und nachgeahmten EdelSteinen: 24 Kr.

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Wenn der Fingerhut auch nicht ganz so alt ist als die Welt, so gehört er doch seit ältester Zeit zum Hausinventarium, und es ist festgestellt worden, daß schon die alten Babylonier und Agypter, welche sehr geschickte Sticker und Näher waren, sich desselben bedienten. Ebenso reicht auch die Nähnadel, gegen welche doch der Fingerhut zum Schutz geschaffen ist, um die zarten Finger unserer Schneiderinnen, Stickerinnen usw. zu schonen, ebenfalls bis ins graue Altertum zurück. Die ägyptischen Museen von London und Paris und anderen Städten enthalten viele solcher Proben von Nadeln, welche bis mehr als 2000 Jahre vor der christlichen Ära zurückreichen, und welche in Holz, in Knochen, in Kupfer oder Eisen gefertigt sind. „Verschiedene dieser Nähnadeln sind nicht viel größer und stärker als unsere kleinsten und dünnsten und sehen denselben auch ganz ähnlich,“ schreibt Herr Camille Bourdon, „und die Geschicklichkeit, mit welcher dieselben hergestellt wurden, läßt einen zweifeln, daß die Nadeln wirklich die ersten ihrer Art sind.“ Die Hindus und die Chinesen haben uns ebenfalls bewiesen, daß die Nähnadeln auch in ihren Landen sehr alt sind.

Somit hat also die Nähnadel im Altertum den Fingerhut als Beschützer des Fingers hervorgerufen, gerade so wie in unserer modernen Zeit die großen, schweren Projektile der Kanonen unserer Panzerschiffe den Panzer derselben hervorgerufen haben.

Das originellste dabei ist, daß weder Fingerhut noch Nähnadel jemals ihre eigentliche Form gewechselt haben.

Die römischen Fingerhüte von Herkulanum, ebenso die- Fig. 4.

jenigen, welche man auf dem Grunde der Themse gefunden hat und welche Abb. 1 veranschaulicht, sind im Aussehen schon ganz wie die modernen, mit konischem Körper. Es ist schwer, darüber zu urteilen, ob der Fingerhut, so wie wir ihn kennen, praktisch ist. Gewöhnlich hält ja auch der Finger

hut nur auf dem Finger, nachdem derselbe angefeuchtet ist, und namentlich nur durch den Zusammendruck des Fingernagels und des Fleisches im konischen Körper. Da nun aber derselbe ganz zylindrisch mit einer leichten Erweiterung nach unten geformt ist, so paßt eigentlich doch der Fingerhut gerade so auf den Finger, wie ein schlecht passender Schuh auf den Fuß. Infolgedessen erregt diese Verschiedenheit von Finger und Hut eigentlich eine Verhinderung in der regelmäßigen Zirkulation des Blutes, welche Fingerentzündungen, sog. Neidnägel, hervorruft, die recht schmerzhaft sind. Außerdem überträgt sich die nervöse Müdigkeit des durch den Fingerhut gedrückten Fingers sehr bald auf die ganze Hand. Die Abb. 2 und 3 sollen die Einseitigkeit des Fingerhutes beweisen; bei Abb. 3 ist durch eine punktierte Linie die natürliche Form des Fingers gekennzeichnet. Es ist nun ein Verdienst der Firma Kirby, Beard & Co., Paris, 5 Rue Auber, eine neue Form des Fingerhutes konstruiert zu haben, eine neue, aber doch ganz naheliegende Form, die doch eigentlich schon lange im Gebrauch sein sollte; es ist dies die Form des Fingers, welcher der Fingerhut angepaßt ist. Die oben genannte Firma bringt den silbernen Finger

Preise von 4 Mk. in den Handel. Dieser Fingerhut ist

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<MS- hut (Abb. 4) unter dem Namen Trueform (wahre Form) zum

praktisch, er bekleidet den Finger, wie ein Schuh den Fuß, an welchen er angemessen ist. Derselbe hält nun nicht mehr auf dem Finger durch den Druck des Nagels, sondern durch die Flächenanziehung. Abb. 5 erklärt zur Genüge die Art des neuen Fingerhutes. Es wäre nur zu wünschen, daß sich dieser neue Fingerhut recht bald einführte, denn er ist in bezug auf obige Zeilen als recht praktisch und als gute Neuerung anzusehen. A.

Fünfte Zusammenkunft der Goldschmiede- und Uhrmacher-Fachverbände.

Die März-Zusammenkunft der Goldschmiede- und UhrmacherFachverbände beschäftigte sich diesmal vorwiegend mit Fragen der Uhren-Branche. Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte:

1. Stempelung der achtkarätigen Uhren. Bekanntlich ist man sich darüber, ob die **1ooo haltigen Legierungen gestempelt werden sollen, nicht einig. Es haben sich zwei Lager gebildet. Man hat Fragebogen ausgesandt und, wie es zu erwarten war, haben sich die meisten Interessenten für die Stempelung achtkarätiger Gehäuse ausgesprochen. Die mittleren und kleineren

Uhrmacher wollen die Stempelung, weil sie gerade solche Uhren viel absetzen und die Kauflust durch eine Stempelung zweifellos angeregt wird. Der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede, Obermeister Fischer, hat sich auch für die Stempelung dieser Legierungen erklärt, während andere in einer Stempelung von Uhrgehäusen unter "ooo eine Schädigung des Uhrengeschäftes erblickten. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in welcher man sich gegen die Stempelung goldener Uhrgehäuse unter "ooo Feingehalt erklärte. 2. Erhöhung der Preise um 5% und 10% bei großen Uhren. Man sprach sich für die Erhöhung aus und regte an, daß in der Fachpresse für dieselbe möge eingetreten werden.

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3. Detaillieren von Gross ist ein und Fabrikanten. Auch bei der Besprechung dieses Punktes handelte es sich um das Detaillieren von Uhrengrossisten und Genfer Uhrenfabrikanten. Man wird auf dieselben einzuwirken suchen, sich den Beschlüssen des Uhren-Grossistenverbandes zu fügen. Ferner soll auf Mittel und Wege gesonnen werden, wie man der Union horlogère entgegentreten kann.

4. Maßnahmen zum Schutze gegen die schwindelhaften Ausverkäufe. Der Vorsitzende des Goldschmiede-Ver

bandes, Obermeister Fischer, hatte einen Gesetzentwurf vorgelegt, der von der Versammlung akzeptiert wurde. Der Entwurf Dr. Biberfelds war ausgeblieben. 5. Die Turmuhr-Frage bot für Goldschmiede kein weiteres Interesse und haben wir auch hier keine Veranlassung dieselbe weiter zu berühren. 6. Versen den offener Preislisten. Hier wurde ein wunder Punkt berührt. Man erwähnte, daß sogar Postbeamte Einsicht in die Drucksachen bei stillem Geschäftsgang nehmen. Die Chiffreschlüssel sind zu dem kein Geheimnis mehr, sondern nur allzusehr schon in weiteren Kreisen bekannt geworden. Ein Beschluß wurde in dieser Angelegenheit nicht gefaßt.

Der Werdegang eines Goldschmiedemeisters der Gegenwart.

Eine Osterbetrachtung eines alten Goldschmiedemeisters.

Im nachstehenden soll die Ausbildung eines Goldschmiedemeisters der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung seiner Tätigkeit im Mittel- und Kleinbetrieb erörtert werden. Die Mittelund Kleinbetriebe, welche im Goldschmiedegewerbe den Handwerkerstand vertreten, sind durch ihre geschäftlichen Verhältnisse gezwungen, wollen sie nicht aus ihrer bis jetzt geachteten und auskömmlichen Stellung verdrängt werden, den Handwerksbetrieb beizubehalten, weshalb eine gründliche Fachausbildung für die Inhaber desselben geboten ist. Die Goldschmiedekunst zerfällt in zwei Hauptzweige, der eine umfaßt die Anfertigung von Schmuckwaren, der andere die Anfertigung von Zier-, Tafel- und sonstigen Geräten für den weltlichen und religiösen Gebrauch in Gold und Silber. Beide Zweige zu erlernen ist nur den Wenigsten möglich, während die meisten Goldschmiede sich für den einen oder andern zu entscheiden haben. Für die Meister im Mittel- und Kleinbetrieb ist die Anfertigung der Schmuckwaren von größter Bedeutung, daher eine tüchtige Ausbildung in der Anfertigung dieser Waren für sie eine Notwendigkeit ist. Der Lehrling, der sich zum Goldschmied ausbilden will, muß wahre Lust und Liebe zur Arbeit, Ausdauer und gute Begabung, sowie eine gute körperliche Gesundheit haben und eine tüchtige Lehrzeit durchmachen. Ganz besonders muß der Lehrmeister durch einen entsprechenden Betrieb und tüchtige fachmännische Befähigung imstande sein, durch Rat und Tat, sowie durch gutes Beispiel die Ausbildung in selbstlosester Weise zu fördern. Sind diese Bedingungen vorhanden, dann ist die Möglichkeit gegeben, daß der Lehrling zum tüchtigen Goldschmied herangebildet werden kann. Der beste Zeitpunkt zum Eintritt in die Lehre ist mit 14 Jahren, nachdem der Schulpflicht genügt ist. Eine Elementarschulbildung genügt, um in die Lehre zu treten, denn was der Goldschmied mehr können muß, um als Geschäftsleiter zu bestehen, kann sich derselbe in der Lehre und im späteren Leben selbst aneignen. Eine höhere Schulbildung schadet ja gewiß nicht, nur muß dieselbe mit dem 14. oder 15. Lebensjahre beendet werden, sonst ist der junge Mensch für das Handwerk nicht mehr brauchbar, wie die Erfahrung schon oft lehrte. In der Regel ist eine vierjährige Lehrzeit nötig, um den Lehrling zum Gehilfen auszubilden. Während der Lehrzeit soll der Lehrling kein Geld verdienen, höchstens ein von Jahr zu Jahr mit den Leistungen steigendes Taschengeld erhalten, damit derselbe auch lernt, mit Geld in haushälterischer Weise umzugehen. Da, wo die Lehrlinge gleich Geld verdienen, wird die Ausbildung oft einseitig, auf Spezialarbeiten zugespitzt. Die ersten Monate der Lehre sollen Probemonate sein, in welchen der Lehrmeister die Fähigkeit des Lehrlings beobachtet und beurteilt. Kommt der Meister zu der Überzeugung, daß der Lehrling aus Gründen seiner Veranlagung sich nicht recht zum Goldschmied eignet, so soll er nach Rücksprache mit den Eltern oder deren Vertretern von einer weitern Lehre abraten. Denn um ein tüchtiger Goldschmied zu werden, ist vieles erforderlich, was nur der Lehrmeister in der Lage ist, zu beurteilen.

Das erste Jahr der Lehre ist von ganz besonderer Wichtigkeit. Es ist grundlegend oft fürs ganze Leben. Dem Lehrling, dem alles neu und fremd ist, muß mit Güte und Strenge die Arbeitsund Werkstattordnung beigebracht werden. Den Namen, den Zweck und die Handhabung des Werkzeuges hat er sich nach und nach anzueignen. Dabei ist dem Lehrling die aufmerksame Behandlung des Materials zu erklären und der Wert der verschiedenen Abfälle, welche durch die Verarbeitung entstehen, die Wichtigkeit derselben für den Goldschmied, sowie die Art und Weise, dieselben zu sammeln, rein zu halten und was dazu sonst noch gehört, einzuprägen. Dabei ist zu beachten, daß der Lehrling die tägliche Reinigung des Werkbrettes, das Sammeln des Brett- und Bodenkrätzes, die sorgfältige Bewahrung des Schliffes und der Poliermittel usw. nicht außer acht läßt.

Als Übungsarbeiten im ersten Jahre sind zu empfehlen: die Anfertigung von Broschösen und Broschscharnieren auf Plättchen, Broschnadel und sonstige Ösen an Stiften zu Reparaturzwecken und Neuarbeitung, zuerst aus Messing oder Neusilber, dann aus Silber und Gold. Durch die Anfertigung dieser Artikel wird das Drahtziehen, das Blechwalzen, das Schneiden und Sägen, das Scharnierziehen und Löten geübt. Dabei ist daruuf zu achten, daß der Lehrling sich das Abputzen der Hände mit der Brettbürste angewöhnt und die Feilung und Abfälle der einzelnen Metalle getrennt in Büchsen sammelt (Goldfeilung, Güldisch). Nach und nach ist zwischen diesen Arbeiten das Reinigen und Aufpolieren geeigneter Reparaturen und Neuarbeiten anzulernen und dabei dem Lehrling einzuprägen, daß das Auffrischen und Aufpolieren der Reparaturen mit zur Empfehlung der Werkstatt dienen muß.

Ist durch diese oder ähnliche Arbeiten der Lehrling schon etwas in der Handhabung des Werkzeuges geübt, so kann man zur Anfertigung anderer Artikel schreiten, als da sind: Boutons in Silber in Form von Kugeln mit Haken (Schwänzchen) und Sicherheitsöse; Silberohrringe, wie solche oft getragen werden usw. Durch letztere Arbeiten wird das Einsägen des Scharniers mit der Brissursäge und das Bohren mit kleinem Bohrer geübt, Arbeiten, welche sehr zweckdienlich sind und tüchtige Übung beanspruchen. Gleichzeitig ist hierbei die Herstellung der Bohrer zu üben, auch lasse man Oberteile (halbe gestampfte oder gepreßte Kugeln) zu Korallpendeloques anfertigen. Diese Artikel sind alle im Geschäft zu verwerten und als Übungsarbeiten dienlich, womit das erste Jahr der Lehre auszufüllen ist. Selbstverständlich müssen im letzten halben Jahre des ersten Lehrjahres auch leichtere Reparaturarbeiten mit vorgenommen werden.

Durch Hilfeleistungen beim Schmelzen, Schmieden, Walzen, Drahtziehen, Vergolden, Versilbern u. dgl. bekommt der Lehrling annähernd einen Begriff von diesen Arbeiten und ist dabei das Wort des Lehrmeisters oder seines Vertreters zur Aufklärung von größter Bedeutung, wie überhaupt die mündlichen Belehrungen bei allen Arbeiten nicht oft und deutlich genug gegeben werden können – eine schwierige, anstrengende, oft die Geduld des Meisters hart erprobende Arbeit, welche sich aber auch dafür in den meisten Fällen reichlich lohnen wird!

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Diplom der Weltausstellung St. Louis, erteilt für das von Wilhelm Diebener herausgegebene Werk Monogramme und Dekorationen.

Vorübung zur Buchführung ist. Neben der praktischen Ausbildung ist aber auch für eine theoretische Ausbildung zu sorgen, und hat der Lehrling von Anbeginn der Lehre den Unterricht einer Lehrlings-Fortbildungs- oder Handwerkerschule zu besuchen, worin ihm Gelegenheit geboten wird, sich auch im Zeichnen zu üben, denn in der Goldschmiedekunst ist das Zeichnen unbedingt nötig. Im zweiten Jahre der Lehre sind die Anfertigung der verschiedensten Artikel in Gold und Silber, welche durch Pressen, Stampfen teilweise hergestellt werden, sowie leichtere montierte Arbeiten vorzunehmen. Bei Broschen ist auf gutes Scharnier und auf eine nicht zu feste und nicht zu lose Beweglichkeit der Nadeln zu achten, auch lasse man den Lehrling an Ohrgehängen die Brissuren selbst anfertigen. Diese Arbeit übt im genauen Sägen und

Trauringe in kurzer Zeit schnell und tadellos herstellt. Ferner ist mit der Anfertigung montierter Schmuckware zu beginnen, und eignen sich hierzu Herren- und Damenringe mit Steinchen, Perlen usw., Broschen, Medaillons, Kreuze, Anhänger und Phantasieartikel. Man präge dem Lehrling mit besonderm Nachdruck ein, daß jeder Teil eines montierten Gegenstandes genau nach Muster oder Zeichnung bearbeitet sein muß, daß die geringste Unaufmerksamkeit nach Fertigstellung des Gegenstandes bemerkt wird und die Arbeit als eine ungenügende stempelt. Im Mittel- und Kleinbetrieb ist der tüchtige Schmuckwarenmonteur befähigt, für seinen Betrieb ganz besonders gut lohnende Artikel anzufertigen, daher auf tüchtige Ausbildung auch in dieser Beziehung Wert zu legen ist. Auch lege man Gewicht auf gutes Werkzeug, welches zur guten Ausführung wesentlich beiträgt.

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liche Portefeuilles heraus und füllte den leergewordenen Raum mit Reisemütze, Zeitungen usw. wieder aus. dann einige weniger wertvolle Rosenpartien, damit bei eventuellem Verlust der Tasche, der Schaden kein zu großer sei. Nachdem ich die übrigen Portefeuilles dann sicher in den Brusttaschen von Rock und Weste untergebracht hatte, ging ich mit der unschuldigsten Miene wieder hinaus, begab mich auf meinen Platz und legte die Tasche wieder ins Netz. Kurz vor X. ging ich noch einmal in den Abort, diesmal, ohne die Tasche mitzunehmen. Als ich kurz darauf wieder herauskam, saß der schwarze Exgraf noch auf seinem Platze, scheinbar in seine Zeitung vertieft. Ein verstohlener Blick nach meiner Steintasche – halt, der Fuchs war in die Falle gegangen. Meine Tasche lag zwar noch oben, aber nicht mehr so wie ich sie hingelegt hatte. Das Vexierschloß konnte er in der kurzen Zeit nicht geöffnet haben. Es war also nur anzunehmen, daß er sich entweder vergeblich bemüht hatte, oder daß er meine Tasche gegen seine, die ganz ähnlich war, vertauscht hatte. Das war mir indessen jetzt einerlei, und das würde sich ja auch noch herausstellen; die Hauptsache war mir jetzt, daß der Geheimpolizist rechtzeitig zur Stelle sei. Meine Aufregung wuchs von Minute zu Minute, je langsamer der Zug fuhr. Endlich hielt er. Rasch zog ich ein großes gelbes Kuvert aus der Tasche – den Umschlag eines amtlichen Schreibens, das ich kurz vor meiner Abreise erhalten hatte – und stellte mich damit in die offene Coupétüre, um, wie ich meinem Gegenüber erklärte, jemand aufzutreiben, der mir das Ding in den Briefkasten würfe. Unaufhaltsam wälzte sich der Strom der Reisenden den Zug entlang. Männer, Frauen und Kinder im bunten Durcheinander und mit den verschiedenartigsten Gepäckstücken beladen; ein fortwährend wechselndes, interessantes Bild. Und doch durfte ich nicht den müßigen Zuschauer spielen, mein Hauptaugenmerk mußte darauf gerichtet sein, einen Menschen zu entdecken, der ein gelbes Kuvert – unser Erkennungszeichen – in der rechten Hand trug. Vergebens spähte ich umher, nichts zu sehen. Schon glaubte ich, daß mein Telegramm nicht rechtzeitig angekommen sei – da gewahrte ich plötzlich einen unscheinbaren Mann in mittleren Jahren, der langsam die Wagenreihe entlang schritt, aufmerksam jedes Abteil musternd, und in seiner Hand – das gelbe Kuvert. Nun war alles gut. Den rechten Arm hochhebend, schwang ich mein Briefkuvert einige Male in der Luft, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das war mir auch glücklicherweise sofort gelungen, denn wie ich bemerken konnte, verschwand das gelbe Kuvert rasch in der Brusttasche des Gesuchten, während er selbst auf unser Coupé zukam. Wie zufällig ließ seine

Endlich glaubte ich das Rechte gefunden zu haben? Der Gauner schien

Er Würde alSO

Obenauf legte ich

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Hand dabei das kleine Schildchen sehen, das ihn als Geheimpolizisten legitimierte. Ein bedeutsames Blinzeln der Augen verständigte ihn, daß der Betreffende noch im Coupé sei. Ich hatte unterdes mein Kuvert auch unbemerkt verschwinden lassen und folgte dem rasch Einsteigenden auf dem Fuße. Der Schwarzbärtige schien sich gerade zum Aussteigen fertig zu machen, denn er hatte schon seinen Mantel angezogen, als sich eine eiserne Hand auf seine Schulter legte und eine ruhige Stimme neben ihm sprach: „Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie.“ Im nächsten

Augenblick hatte der Schwarzbärtige seinen Revolver hervor

gerissen, ließ ihn jedoch sofort mit einem Wut- und Schmerzenslaut zu Boden fallen; die Faust des Polizisten hatte mit wuchtigem Schlage seinen Oberarm getroffen. Gleich darauf hatte auch ich meine Waffe gezogen und hielt sie mit gespanntem Hahn dem Gauner vor die Stirn. „Keinen Widerstand, Mann,“ hörte ich die ruhige Stimme meines Begleiters, „er kann Ihre Lage nur versehlimmern. Sie zwingen mich dadurch, Ihnen die Handschellen anzulegen.“ Bei diesen Worten schien der Exgraf wieder aufbrausen zu wollen. Ehe er jedoch nur an ernstlichen Widerstand denken konnte, hatte sich der Beamte blitzschnell auf ihn geworfen, ich hörte ein dumpfes, wutersticktes Achzen, dem gleich darauf ein leichtes, metallisches Knacken folgte, und als sich der Dedektiv aufrichtete, stand der Verbrecher zähneknirschend und mit gefesselten Händen vor uns. „Eine Leibesvisitation des Verbrechers wird erst im Polizeipräsidium erfolgen“, erklärte Dolz, der Detektiv. „Darf ich Sie also ersuchen, mich zu begleiten, damit Ihre Aussagen zu Protokoll genommen werden können.“ Ich bat ihn, einen Augenblick zu warten, da ich noch einen wichtigen Zeugen oder vielmehr eine Zeugin mitbringen könne, und eilte zum Coupé meiner schwarzgekleideten Witwe, die unterdes in leicht begreiflicher Aufregung die Entwicklung des Dramas erwartet hatte. Sie stand schon in der Coupétür, als ich ankam. „Gott sei Dank, daß Sie da sind,“ rief sie mit einem Seufzer der Erleichterung, „ich fürchtete schon, es sei Ihnen etwas zugestoßen.“

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Sie blickte mich vorwurfsvoll an, litt es aber doch, daß ich ich ihr den Arm bot und sie zu einem der draußen harrenden Wagen führte, der uns nach dem Polizeipräsidum bringen sollte. Dolz hatte mit seinem Gefangenen inzwischen einen andern Wagen bestiegen. Es hatte sich dabei bei dem Schwarzbärtigen der Aermel des Überziehers etwas verschoben, wodurch man deutlich die gefesselten Hände des Verbrechers sehen konnte. Als ich meine Begleiterin beim Vorüberschreiten darauf aufmerksam machte, schrak sie heftig zusammen, mehr aber noch vor dem unheilkündenden Blick, den der Exgraf uns zuschleuderte. Gleich darauf zogen die Pferde an, und wir rollten der Stadt zu.

Auf dem Polizeipräsidium waren die nötigen Formalitäten rasch erledigt. Die gestohlenen Ohrringe fanden sich noch in der Tasche des Inhaftierten und paßten auch, als der Versuch gemacht wurde, genau auf die noch in den Ohren meiner schönen Begleiterin hängenden kurzen Restteile, so daß die Identität zweifellos festgestellt war. Jetzt gab ich auch meinen Trick mit der Steintasche zum besten, und da stellte sich denn heraus, daß meine Tasche deutliche Spuren von Erbrechung zeigte, die aber zum Glück nicht gelungen war, und dabei behauptete der Beamte noch steif und fest, daß die Tasche, die ich als mein Eigentum reklamierte, bei der Verhaftung de Rodys vor diesem gestanden

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