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Goldschmiedekunst.

Von Alfred Lichtwark.

Vor einem Jahrzent schien dann mit einem Schlage eine neue Zeit anzubrechen, da die Künstler anfingen, sich mit Entwürfen für Schmucksachen zu befassen. Und was sie brachten, hat weite Gebiete völlig umgewandelt. Aber vorläufig nur die Niederungen. Das unterste Fach der Goldschmiedladen faßt die Ergebnisse zusammen. Hier lassen sich eine ganze Anzahl Techniken entdecken, die der vornehme Schmuck verschmäht, hier breitet sich ein Formenschatz aus, an den der Hersteller kostbaren Schmuckes gar nicht denkt. Die ersten Anregungen stammen aus England. In Paris hat sich ein Künstler und Techniker gefunden, der mit äußerstem Raffinement alle verfügbaren edlen und halbedlen Stoffe und alle Techniken – oder doch die meisten – die eine schmückende Wirkung verbürgen, in den Dienst der künstlerischen Erfindung gestellt, sein Name hat Weltruf, es ist Lalique. In Deutschland hat man sehr rasch das Wesentliche aufgegriffen. Zahlreiche Künstler haben Schmuck entworfen, die Fabriken sind wohl sämtlich in die neue Richtung hineingegangen, die nun einmal Mode ist. Da die Entwicklung sehr rasch und ganz ohne die wünschende oder kritische Beteiligung des Publikums vor sich gegangen ist, darf man sich nicht wundern, daß die neue Richtung sich um das Bedürfnis nicht viel gekümmert hat. Es kam ihr zu gut, daß wieder Gürtelschließen, hohe Kämme und Halsketten getragen wurden, und für diese Schmuckstücke hat sie sich sehr leistungsfähig gezeigt. Weniger glücklich war sie jedoch durchweg beim Brustschmuck. Vor ihren Gehängen und Broschen mußten von der ersten Stunde an gewichtige Bedenken auftauchen. Ein Ring, ein Halsgehänge, ein Gürtel, ein Diadem sind für verschiedene Standpunkte berechnet. Der Ring allein kann vom Träger selbst betrachtet und zur Betrachtung hingehalten werden. Er verträgt deshalb das höchste Maß technischer und künstlerischer Feinarbeit. So ist er auch zu allen naiven Zeiten aufgefaßt worden. Heute will man auch von ihm nur Kostbarkeit. Der Halsschmuck, der beim ausgeschnittenen Kleide- getragen wird, hat eine ganz andere und sehr zarte Aufgabe. Es soll das höchste Maß von Schmuck gewähren, ohne, wie der Ring, zur genauen Besichtigung herauszufordern. Was eine Dame bei ausgeschnittenem Kleide auf dem Halse trägt, darf wohl unter keinen Umständen so angelegt und ausgeführt sein, daß der Wunsch entsteht, es aus der Nähe zu sehen. Darin versieht es nach meinem Gefühl Lalique und darin haben die alte Perlenschnur und das Diamanthalsband recht, deren schmückende Kraft auf einer Art Ausstrahlung beruht und die nicht im einzelnen besehen sein wollen. Sie werden dem Sturm von seiten der künstlerischen Umgestaltung des Schmuckes noch lange trotzen, und wenn auch die Diamanten einmal vom Hals verdrängt werden – wenigstens in der brutalen Fassung, die bei uns beliebt ist – die Perlenschnur durch ein Werk der Menschenhand zu ersetzen, das gleich hohen und gleich neutralen Wert hat, wird wohl sobald nicht gelingen.

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Was wird kommen, die Stelle der Gürtelschließen und Broschen im untern Bort der vornehmen Goldschmiedsladen einnehmen und vielleicht diesmal die Festung des oberen stürmen ? Der naturalistische Schmuck, der heute die Herrschaft in den niederen Gebieten und im Surrogat besitzt, wird zweifellos einem stilistischen weichen. Schon beginnt der Zug dahin an vielen Stellen fühlbar zu werden. Mögen nun die Bedingungen seiner Entwicklung günstiger sein, als sie es im letzten Jahrzehnt für den naturalistischen Schmuck gewesen sind! Vor allem wäre es nötig, daß die vornehme Welt, die die höchsten Anforderungen an den Schmuck stellt, von der ausschließlichen Bevorzugung des Rohmaterials, die heute herrscht, zurückkäme und künstlerische Gestaltung auch minder wertvoller Stoffe dem Prunken mit der materiellen Kostbarkeit vorzöge. Es hat wohl noch nie eine Kultur gegeben, deren kostspieligster Schmuck so durchaus jeder künstlerischen Veredlung durch die Menschenhand entbehrt wie der unserer Tage. Die neue Bewegung kann nicht vom Goldschmied geleitet werden. Es steht der Kunst seines Faches im allgemeinen so fern wie der heutige Landschaftsgärtner der Gartenkunst. Es kann zu nichts Vernünftigem kommen, wenn nicht der Besteller, der Künstler – vor allem die Maler – und der Kaufmann dem Goldschmied, der nur noch Techniker ist, die Wege weisen. Wer Schmuck trägt oder verschenkt, sollte sich eine genaue Kenntnis der veredelnden Techniken verschaffen. In den europäischen Museen gibt es überall zerstreut die kostbarsten Arbeiten von den Anfängen der ägyptischen Kultur durch die griechische und alle folgenden Kulturen und Zeitalter bis auf den Schmuck unserer Bauern. Er wird sich bald überzeugen, daß von den technischen und künstlerischen Wirkungen, die eine feinfühlige Behandlung des Goldes und Silbers ermöglicht, heute fast nichts mehr in unseren Werkstätten bekannt ist. Der neuere und neueste Goldschmuck könnte in seiner blanken Blechwirkung aus irgend einem anderen Metall ebenso gut hergestellt werden. Der klassische Goldschmuck älterer Epochen vermeidet jede solche Brutalität. Er sucht in der granulierten Oberfläche, im Filigran Wirkungen von Schimmer und Duft zu erzielen, die dem Charakter des Goldes wesentlich eigen sind. Und in diese schimmernden, nicht blanken Flächen fügt er Perlen, Edelsteine und Schmelzarbeiten ein, daß die Wirkung eine geradezu dichterische Schönheit erlangt. Wer diese köstlichen Dinge einmal gesehen und gefühlt hat, wird, wenn er in die Lage kommt, die Schaffung modernen Schmucks anzuregen, Wirkungen von derselben Vornehmheit wünschen. Was die dichtende Seele des Künstlergoldschmiedes hervorzubringen vermag, ist tausendmal schöner als das kostbarste Rohmaterial, mit dem wir unseren Sinnen schmeicheln. Auch der Künstler, der Entwürfe für Goldschmiede macht, dürfte gut tun, sich, mehr als bisher erkennbar ist, mit den technischen Problemen zu beschäftigen, die das Material nahelegt, vor allem das Gold. Und er müßte, was die Voll- und Halbedelsteine anlangt, unterstützt werden von dem einsichtigen Kaufmann. Wer dem Künstler, den die Schaffung von Schmuck reizt, die Wege ebnen will, müßte das Rohmaterial der wenig bekannten und selten verwendeten Halbedelsteine in großen Massen vor ihm ausbreiten, daß seine Hände darin wühlen können und seine Phantasie unmittelbar von dem Stoff angeregt wird, in dem sie arbeiten soll. Er müßte diese Steine nicht als farbige Nachahmungen des Brillantschliffs zurichten lassen, sondern in glatten Formen (en cabochon), die der schmückenden Wirkung eine Fülle jetzt fast unbekannter Motive an die Hand geben. Er würde sich im Lager eines solchen einsichtigen Händlers mit dem Kunstfreund, der sich für den Schmuck seiner Frau interessiert, treffen und beraten können. Mir scheint die Annehmlichkeit, daß Künstler und Kunstfreund sich bei einem Kaufmann von Geschmack begegnen könnten, ohne daß der Goldschmied in ihre Unterhaltung hineinreden darf, überaus fruchtbar zu sein. Ich kann zwar nur aus der Analogie schließen, bin aber ziemlich sicher, daß wenn der

„Fachmann“ diesen Beratungen des Liebhabers, Künstlers und Kaufmanns beiwohnte, der Rauhreif des fachmännischen „es geht nicht“ viele neue schöne Gedanken im Keim töten würde.

In der Beschaffung und Zugänglichmachung des in ungeahnter Fülle vorhandenen Rohstoffes liegt jedenfalls eins der Probleme der künftigen Entwicklung der Goldschmiedekunst. Man könnte sich auch vorstellen, daß, wie das Berliner Gewerbemuseum schon einmal versucht hat, die wertvollsten Werke des Schmuckes aller Zeiten zu einer Ausstellung vereinigt würden. Aber in großem Stil ist dieser Plan leider nicht ausführbar, denn den Museen, die die Kostbarkeiten als einzelne Wertstücke besitzen, kann nicht zugemutet werden, daß sie ihre Schätze auf eine Karte setzen. Könnte es ausgeführt werden, so würde mit einem Schlage auch dem blödesten Auge klar werden, daß wir trotz aller großen erfreulichen Anstrengungen der letzten Jahre mit unserm Schmuck noch in tiefer Barbarei stecken.

Ich höre schon den Einwurf, für das Wohlbefinden und Gedeihen der Nation sei es ziemlich gleichgültig, ob ein edlerer Geschmack die Ausbildung des Schmuckes leite. Zweifellos kann es dem einzelnen Arbeiter herzlich einerlei sein, ob die einzelne vornehme Frau künstlerischen oder brutalen Schmuck trägt. Aber darf die Frage so gestellt werden? Es hängt alles in sich zusammen. Wie viele Geschmacksfragen von dem einen Punkt der künstlerischen Gestaltung des Schmuckes in Fluß gebracht werden, wieviel für die edlere Ausbildung des Auges, das dann nicht über den Schmuck allein richtet, geleistet wird, kann leicht jeder nachrechnen. Jede Wirkung Straht nach allen Seiten aus.

Unsere

Der Sport in seinen verschiedenen Abzweigungen hat in der dekorativen Kunst stets eine beträchtliche Rolle gespielt. Vor allem als Auftraggeber. Kein anderes Lebensgebiet hat ja einen solchen Bedarf an Preisen, als der Sport. Und derartige Preise herzustellen, ist immer Sache der dekorativen Kunst gewesen.

Freilich war es immer eine eigenartige und schwierige Sache, für den Sport Geeignetes zu schaffen. Mit bloßen Emblemen war es nicht immer getan, es wurde in den meisten Fällen die Darstellung der Sache verlangt: Jäger und Reiter verlangten wenigstens die Darstellung des Wildes und des edlen Rosses; Ruderer, Radfahrer oder Turner sahen am liebsten den Sportsman selbst in der Ausübung, oder wenigstens in der Ausrüstung zu seinem Sport dargestellt. Und sie waren stets strenge Richter, wo nicht in künstlerischer, so doch jedenfalls in sportlicher Beziehung: Sie wollten eine exakte, rassige Ausführung mit genauer Berücksichtigung der sportlichen Spezialität. Diese, durchaus berechtigten Erfordernisse, mit den Anforderungen, welche die dekorative Kunst stellt, zu verschmelzen, ist eine heikle Aufgabe, die bisher im Ganzen wohl mehr unglückliche als glückliche Lösungen zu verzeichnen hat.

Und doch ist es eine einfache Sache, hier glückliche LöSungen zu erzielen: Entwurf und Modell müssen von einem Künstler geliefert sein, der nicht nur die Menschen- und Tierfiguren einwandsfrei beherrscht, sondern der auch gewissenhaft und vielseitig genug ist, um die betreffenden Sportgebiete künstlerisch gründlich zu studieren, und der endlich fähig ist, diejenige Einfachheit der Ausdrucksweise zu treffen, deren ein dekoratives Kunstwerk bedarf. Wenn wir von den Sportsmedaillen der Hofprägeanstalt B. H. Mayer in Pforzheim, die wir heute veröffentlichen, sagen, daß die hier niedergelegten Anforderungen restlos in ihnen erfüllt sind, so ist gerade das hervorgehoben, was sie von vielen ähnlichen Erzeugnissen

Bilder.

scheidet. Die reizvollen Einzelzüge, die ihr Studium noch bietet, werden unsere Leser wohl selbst finden.

Ein verwandtes Gebiet sind die Ehrenurkunden. Früher kannte man sie nur in Papier; es ist eine gerade für unsere Branche erfreuliche Erscheinung, daß solche neuerdings auch in Edelmetall ausgeführt werden. Zwei solche Arbeiten führen wir unseren Lesern in Abbildung vor. Die eine, von der Gravierund Ziselier-Anstalt Carl Scheu in Breslau, nach Entwurf von Maler Siegfried Härtel ebenda ausgeführt in oxydiertem Silber, ist als einfache Tafel mit wirkungsvoller, getriebener Umrahmung komponiert; die zweite Arbeit, ein Ehrenbürgerbrief, ist von Stadtbaurat Rehorst in Halle entworfen und von Hermann Walter ebenda in Silber, unter Verwendung von Edel- und Halbedelsteinen, gearbeitet. Hier ist die originelle Form eines zweiflügeligen Dyptichons gewählt, dessen Türen auf der Innenseite gemalte Darstellungen (von Kunstmaler v. Sallwürk ausgeführt) aufweist. Engel und Wappenschilder sind teilweise vergoldet. Besonders sei auf die gravierten Schrifttafeln aufmerksam gemacht, die beide Mal den Mittelpunkt der Darstellung bilden: Das sind ebenso künstlerisch, wie gewissenhaft durchgebildete Leistungen der edeln Gravierkunst, an denen auch der strengste Kritiker seine Freude haben muß.

Auf zwei Tafeln folgen Schmuckentwürfe und ausgeführte Schmucksachen verschiedener Art, von mehreren Autoren. Den Beschluß machen eine Anzahl pikant entworfener Gefäße von der Metallwarenfabrik F. W. Quist in Eßlingen, die besonders durch ihre lebendige Profilierung sehr gut wirken. R. R.

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or Der auf Seite 66 in voriger Nr. abgebildete Entwurf zu einer Siegelmarke (mit dem Dürerkopf) ist von Herrn Heinrich Laudahn, Berlin, entworfen und gezeichnet worden. Die Entwürfe 5–8 (Seite 70) stammen von Gust. Unger, Schwäb.Gmünd.

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