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FD ie Wallfahrt nach einem entfernten, heiligen Orte ist uralt. Eine Kirche, zu welcher gewallfahrtet wird, gewöhnlich, weil sich daselbst ein wundertätiges Marien- oder Heiligenbild befindet oder weil daselbst ZE ein Ablaß höheren Grades erlangt werden kann, heißt Wallfahrtskirche. Ihren Ursprung haben die Wallfahrten im Judentum, denn die jährlichen Wanderungen der Juden zum Passahfeste nach Jerusalem waren nichts anderes als Wallfahrten. Seit der Zeit des heiligen Ambrosius im vierten Jahrhundert kamen sie auch in der christlichen Kirche auf. Man wallfahrtete besonders nach Palästina, nach Jerusalem, Nazareth, Bethlehem usw. Auch Helena, die Mutter Konstantin des Großen, trug nicht wenig dazu bei, indem sie selbst in das gelobte Land reiste, bei Jerusalem die Stelle suchte, wo einst Christus gekreuzigt wurde und dort eine prachtvolle Kapelle des heiligen Grabes erbaute. Aus Gründen der Sittlichkeit eiferten indes die Kirchenväter am Ende des vierten Jahrhunderts schon gegen die Wallfahrten. Dennoch wurden sie mit der wachsenden Macht der Päpste sehr häufig, besonders da der Glaube von seiten der Kirche bestätigt wurde, daß solche Fahrten und Gebete, an jenen heiligen Orten gesprochen, an und für sich Verdienstvolle Werke seien und heilende Kraft hätten. Die Wallfahrten in das heilige Land wurden durch die Streitigkeiten zwischen der römiSchen und der griechischen Kirche und durch das Übergreifen der Türken in Palästina unterbrochen. Zur Zeit der Kreuzzüge war das heilige Land den Wallern wieder geöffnet. Da jedoch jene Massenzüge aufgehört und die Reise für den einzelnen unausführbar wurde, ersetzte man durch Aufstellung im eigenen Lande von Reliquien, wundertätigen Bildern und heiligen Gräbern jenen Verlust. Besonders Wallfahrtete man dann nach Rom, nach dem heiligen Hause von Loretto in Oberitalien und nach St. Jakob da Compostella in Spanien. Die Wallfahrten nach diesen Orten hießen Hauptwallfahrten, die nach anderen kleineren Orten hingegen, denen der Glaube eine Wunderkraft beilegte und deren es auch in deutschen Landen bald viele gab, Nebenwallfahrten.

Fig. 2.

Im Mittelalter und bis spät ins siebzehnte Jahrhundert hinein trugen die Wallfahrer ein eigenes Kostüm, lange, oft mit Muscheln verzierte wollene Kutten mit Kragen, große kreuzgezierte Hüte und hohe Stäbe. Die Reformation und später die Verordnungen des Kaisers Josef II. und die Säkularisierungen zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts räumten mit vielen Gnadenorten auf oder brachten Beschränkungen. Dennoch blieb eine große Anzahl dieser alten Kultstätten bis in die neueste Zeit in hoher Blüte und andere sind auch neu dazu entstanden und zu hohem Ansehen gelangt. (Trier durch Bischof Arnoldi 1844 und Lourdes in Frankreich seit 1858 durch die Bernadetta Soubirons, gestorben 1879) In früher Zeit schon war es der Wunsch des frommen Pilgers, ein Stück einer Reliquie oder, wenn das nicht möglich,

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7 so doch ein Bild, das an eine Reliquie oder an einen „heiligen

Leib“ angerührt oder an dem Gnadenorte vom Priester geweiht war, mitzunehmen und zu besitzen. Die Bildchen auf Papier oder Pergament gedruckt und in einem Vervielfältigungs-Verfahren mit dem betreffenden Kultbilde geziert, gewöhnlich auch bunt bemalt und mit einer Legende versehen, waren etwas wenig Dauerhaftes. Sie wurden durch langes Beisichtragen bald beschmutzt und zerstört. Man zog daher metallene Reproduktionen des Gnadenbildes oder eines sonstigen Weihegegenstandes vor. Im fünfzehnten Jahrhundert schon machte man runde Kupferscheiben, die in erhöhten Buchstaben (Abkürzungen von Segensprüchen, dem Monogramm Christi usw.), deren Grund mit Zellenemail ausgefüllt war, den Pilger an die Wallfahrtsstätte erinnerten. Diese „Anhänger“ hatten eine kleine Öse, mittelst welcher man sie an einer Schnur um den Hals befestigen konnte. Auch einseitige primitive Prägungen (brakteatenartig), mit dem Kultbilde geschmückt, dienten in früher Zeit schon als Wallfahrtserinnerung. In verhältnismäßig später Zeit erst entstand der medaillenartig, doppelseitig geprägte Gnadenpfennig. An den meisten deutschen und ausländischen Wallfahrtsorten entstand allmählich eine geschäftsmäßige Erzeugung und ein reger Handel mit Bildern und Medaillen des betreffenden

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Ebenso wie die Bilder waren auch die Münzen Die Dinge waren auf den ErSt

Kultbildes. meist wenig künstlerisch ausgeführt. Massenabsatz gerichtet und mußten vor allem billig sein. das siebzehnte Jahrhundert schuf darin Wandel. In Italien fertigten die Meister Alexander Abondio (gestorben 1675) und Johann Hamerani (gestorben 1705) in Rom künstlerisch hochwertige Gepräge von Wallfahrtsmedaillen und in Deutschland erglänzte um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ein heller Stern auf dem Gebiete der Wallfahrts-Medaille in der Person des Peter Seel, der im Jahre 1632 als erzbischöflicher „Siegelund Eisenschneider“ an der Münze in Salzburg angestellt wurde. Die Seelschen Medaillen sind Kleinkunststücke, sind Werke eines echt deutschen Meisters, sie sind ein getreues Abbild deutschen Kultlebens. Ebenso stolz wie die Italiener auf ihren Abondio und Hamerani, dürfen wir Deutsche auf unsern Seel sein, den Begründer einer neuen Schule. Seel ist für das siebzehnte Jahrhundert das gewesen, was für unsere Zeit der Wiener Meister Anton Scharff war. Peter Seel wirkte durch dreiunddreißig Jahre an der erzbischöflichen Münze in Salzburg. Im Jahre 1665 nötigte ihn das hohe Alter zum Rücktritt. Schon seit dem Jahre 1660 war ihm sein kongenialer Sohn Paul gleichfalls als erzbischöflicher „Eisenschneider“ zur Seite, welcher nach dem Rücktritt des Vaters allein das Amt bis zu seinem im Jahre 1695 erfolgten Tode innehatte. Neben den amtlichen Münzarbeiten betrieben die beiden Seel ein blühendes Geschäft mit den von beiden in Schwung gebrachten Weihe- oder Betpfennigen. An der theologischen Fakultät in Salzburg studierten Personen aus allen Weltgegenden und da konnte es nicht fehlen, daß Meister wie Seel Vater und Sohn bald Aufträge von nah und fern bekamen. Die Signaturen auf den, einen ganz eigenartigen flachen Stempelschnitt aufweisenden, meist ovalen Medaillen waren für die Arbeiten der beiden Seel die Buchstaben P. S. oder S. P., da jedoch, wie der im Jahre 1902 verstorbene Salzburger Numismatiker Gustav Zeller nachweist, insbesondere Paul Seel zahlreiche Schüler heranbildete, von denen es mancher ebenfalls zu hoher Kunstfertigkeit brachte und seinen Meister genau bis zur Randverzierung kopierte, ohne diesen aber ganz zu erreichen, so sind diese Nachahmer Seels für uns nicht minder interessant wie der Meister selbst. Von Schülern oder Nachahmern Seels finden wir auf Weihemünzen vom Ende des siebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts vor allem die Monogrammisten G. M., V. S. (V. Seiz), I. N. (Johann Anton Nowak in Graz), ferner S. L, I. S. und C. S.

Unsere

Das Illustrationsmaterial dieser heutigen, letzten Nummer des Jahrgangs 1906 ist hauptsächlich dem Gebiete des Schmuckes entnommen. Zuerst geben wir ein Blatt mit den Entwürfen von Alfons Ungerer, Zeichner in Pforzheim, die in ihren eigenartigen kräftigen Formen sich besonders zur Ausführung in Silber eignen würden.

Die zweite Tafel ist einer Konkurrenz entnommen, welche alljährlich um die Fr. Wilh. Müller-Stiftung an der Fachschule für Feinmetallindustrie in Schw.-Gmünd, stattzufinden pflegt, und deren Ergebnisse uns von der Leitung der Anstalt in dankenswertester Weise zur Verfügung gestellt wurden. Unsere beiden Entwürfe stellen Ehrengaben für einen Gesangverein dar und sind überaus anerkennenswerte Leistungen von eigenartiger Durchbildung.

Alle diese so verschieden gezeichneten Medaillen haben aber eine so übereinstimmende Technik im Stempelschnitte, in der Komposition der Darstellung und im Ornament, daß letztere Künstler wohl nie so Schönes geschaffen hätten, wenn sie an Peter und Paul Seel nicht ein so glänzendes Vorbild, den hohen Meister von eigenartiger Schöpfung vor sich gehabt hätten. Hauptsächlich waren es die Klöster, geistlichen Vereine und Wallfahrtsorte von Österreich und Bayern, für die jene Meister ihre schönen Medaillen schufen. Die Wallfahrtsmünzen der Seelschen Schule überschreiten für die oben genannten beiden Reiche weitaus dreihundert und man kann sagen, daß heute ihre Zahl überhaupt noch nicht annähernd bestimmbar ist, nachdem die Weihemünzkunde ein so junges Kind der Numismatik ist, daß noch alle Bausteine fehlen, um irgendwie ein abschließendes Fundament zu bilden. Eine Darstellung dieser Prägeart mag wohl mehr sagen wie viele Worte. Wir bringen im Anschlusse den Avers und Revers von zwei der hervorragendsten Schöpfungen des Altmeisters Paul Seel. Figur 1 zeigt uns die Medaille (natürliche Größe) auf den Entsatz von Wien durch die Türken im Jahre 1683. Am Avers sehen wir die Stadt Wien, im Vordergrunde eine Schlachtszene und das Türkenlager. Darüber die heilige Dreifaltigkeit. Der Revers zeigt uns das reichgekleidete Gnadenbild von Maria Zell als „Patrona Viennensium“ unter einem Baldachin, von Engeln umgeben. Neben dem knienden Engel sind die Buchstaben P. S. (Paul Seel), das Monogramm des Meisters, sichtbar. Figur 2 zeigt eine ebenso charakteristische Prägung auf das elfhundertjährige Bestehen des Benediktinerstiftes St. Peter in Salzburg im Jahre 1682. Am Avers sehen wir den ersten Bischof von Salzburg St. Rupert und den heiligen Vitalis stehen, dazwischen die Ansicht der Stiftskirche und des Klosters St. Peter; darüber in Wolken den heiligen Amandus. – Der Revers zeigt die beiden Patrone des Klosters, den heiligen Petrus und Benediktus; zwischen ihnen steht der „Benediktusschild“. In Wolken thront darüber die Madonna mit dem Jesuskinde. Zu beiden Seiten des Benediktinerschildes sind auch hier die beiden Buchstaben P. S. sichtbar. Seel und seine Nachahmer haben es verstanden, jedem Werke ein eigenes hochkünstlerisches Gepräge zu geben. Wir sehen die Blütezeit der Wallfahrtsmedaillen. Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts zu verflacht die Kunst bei den Weihemünzen immer mehr und mehr, bis wir im neunzehnten Jahrhundert zu jenen kleinen Geprägen gekommen sind, bei denen das Wort „Kunst“ überhaupt keine Anwendung mehr finden kann.

Bilder.

Unsere dritte Tafel bringt Juwelenentwürfe von Hans Hürlimann, Zeichner in Pforzheim. Hier wird der unseres Erachtens gut gelungene Versuch gemacht, modern aufgefaßte Empirmotive für Brillantschmuck zu verwerten. Besonders die beiden Broschen rechts und links versprechen für die Ausführung von guter Wirkung zu werden.

Unsere nebenstehende Textilillustration zeigt ein wirkungsvoll in Schwarzweißmanier gezeichnetes Ex-libris von Eugen Pflaumer aus Weißenburg a. S., zurzeit in London.

An letzter Stelle sind noch Entwürfe von M. Rapp und H. Dennig, Pforzheim, und Eugen Erhardt, Schw.-Gmünd, zusammengestellt. Während die ersteren den üblichen Genre in geschickter Anwendung zeigen, sucht Erhardt mit unleugbarer Selbständigkeit neue Formen zu finden. R. R.

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