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Von der III. Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden.

IV. Die kirchliche Kunst.

ÄI)aß die moderne Richtung sich für die Aufgaben \\ der kirchlichen Kunst nicht eigne, galt bisher als - feststehendes Axiom, für weite und besonders für - ) die direkt beteiligten Kreise. Lange Zeit war es &SD die Gotik, die hierfür allein in Betracht kam, wozu dann in den letzten 20 Jahren noch der Formenschatz der romanischen Kunstschöpfungen genommen wurde. Diese Stile galten als ausschließlich „kirchlich“, und es war und ist großenteils heute noch selbstverständlich, daß nicht nur die Architekturteile, sondern auch die kirchlichen Goldschmiedegeräte und -gefäße nur in einem dieser Stile ausgeführt werden konnten. Die moderne Raumkunst hat es auf der Dresdener Ausstellung unternommen, den Beweis dafür anzutreten, daß sie wohl befähigt ist, Räume von ausgeprägt kirchlicher Stimmung zu schaffen, – worauf es bei der ganzen Frage ja wohl in erster Linie ankommt. Es ist nicht leicht, gegenüber einer so ganz neuen Lösung, für deren Beurteilung so unendlich differenzierte, persönliche Stimmungswerte in Betracht kommen, ein formuliertes Urteil zu geben. Ich bescheide mich damit, zu konstatieren, daß nach meinem Gefühl der angestrebte Beweis in überraschender Weise gelungen ist. Nicht nur, daß der Eindruck der Räume mir ein außerordentlich weihevoller, durchaus kirchlicher zu sein schien, war auch auf die Verschiedenheit des Kultus in künstlerisch feinfühliger Weise Rücksicht genommen: Niemand könnte darüber im Zweifel sein, welcher Raum für den katholischen, welcher für protestantischen Gottesdienst bestimmt war. Daß ich hier einen Moment auf die Leistungen der Raumkunst einging, deren Betrachtung ja außerhalb unseres Rahmens liegt, hat seinen Grund darin, daß es sich hier um die prinzipielle Frage handelt, ob das Gebiet der kirchlichen Kunstaufgaben der modernen Richtung zugänglich sei, oder nicht. Nachdem diese Frage für das Gebiet der Raumkunst meines Erachtens mit Ja beantwortet werden kann, wird es für uns von doppeltem Interesse sein, auch die kirchlichen Goldschmiedegeräte, die ebenfalls, der Raumgestaltung entsprechend, durchweg modern gehalten sind, einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Im katholischen Kirchenraum ist der originelle Taufsteindeckel bemerkenswert, ausgeführt von Steinicken, kunstgewerbliche Werkstätten, München. Die Bekrönung dieser in Bronze ausgeführten Arbeit bildet ein ganz eigenartig und sehr glücklich im Materialcharakter komponierter Baum der Erkenntnis, zu dessen beiden Seiten die bronzenen Figürchen von Adam und Eva stehen. Dazu kommt noch eine wirkungsvolle Emailverzierung, in wuchtigen, geometrischen Formen und ernsten, einfachen Tönen gehalten. Ein großer Schaukasten im katholischen Kirchenraum enthält noch eine Anzahl kirchlicher Goldschmiedearbeiten und eine Sammlung hervorragend schöner Plaketten von der Prägeanstalt S. Hitl in Schrobenhausen, einer Firma, die in letzter Zeit durch eigenartige, künstlerische Bestrebungen die Aufmerksamkeit weiterer Kreise erregt hat. Wir werden auf die Arbeiten derselben in einem besonderen Artikel zurückkommen und verzichten auf eine besondere Besprechung an dieser Stelle. –

Durch moderne, künstlerische und kirchliche Goldschmiedearbeiten ist besonders die alte Goldschmiedefirma Harrach & Sohn in München vertreten. Ich kann nur einige dieser prächtigen Stücke anführen: da ist ein Kruzifixus auf einer bronzenen, emailverzierten Platte. Daß Kreuz ist vergoldet, der Christuskörper im Bronzeton. Der Grund ist in ganz vorzüglicher Weise in Grubenemail gemustert. Diese überaus ernst und würdig wirkende Arbeit, deren Modell von Prof. Wrba-München herrührt, kann den besten alten Stücken an die Seite gestellt werden. Derselbe Künstler hat das Modell zu einem Altarleuchter geschaffen, der streng und ernst, und obgleich ganz modern durchgeführt, ehrwürdig im besten Sinne wirkt. – Eine ähnliche Arbeit wie die vorbesprochene Christusplatte, hat der Ziseleur A. v. Mayrhofer, München ausgestellt, mit der wuchtig komponierten Darstellung eines alttestamentlichen Cherubim. Von Harrach & Sohn sind endlich noch eine Anzahl Kelche zu erwähnen, die besonders fein und weich in der Farbe der Steine und Emaileinlagen gehalten sind, so daß die Vergoldung in einzelnen Fällen daneben fast zu gleißend wirkt. In der katholischen Sakristei dürfen zwei Leuchter nicht übergangen werden, deren Entwurf von Prof. Berndl, deren Ausführung von A. v. Mayrhofer, beide in München herrührt. Es sind schlichte, strenge Bronzearbeiten, mit besonders glücklichen, farbigen Einlagen in Elfenbein und blauem Email. Das häufige Hereinziehen farbiger Emailverzierung, der feine, ernste Geschmack der darin entwickelt wird, berührt an den eben besprochenen kirchlichen Goldschmiedearbeiten besonders sympathisch. Wenn irgendwo, gerade bei kirchlichen Goldschmiedearbeiten, gegen den guten Geschmack gesündigt wurde, so war es im Punkte der Farbengebung. Hierin sind die eben besprochenen Arbeiten mustergültig zu nennen. Im protestantischen Kirchenraum sind nur wenige Feinmetallarbeiten ausgestellt. Zu erwähnen ist der mächtige Kandelaber, nach Entwurf von Prof. Fritz Schumacher, in Bronze getrieben von der Firma K. A. Seifert, Mügeln-Dresden. Eine Arbeit, hochmodern in den Formen, würdig und kirchlichernst in der Gesamtwirkung. Interessant sind die Altarleuchter, nach Entwurf von Diplom-Ingenieur S. Modes, ausgeführt von Adalbert Milde u. Co. Der Fuß mit seinem zierlich durchbrochenen Volutenmuster und seiner originellen Vierteilung ist ebenso zweckmäßig als wirkungsvoll erdacht. In unmittelbarer Nähe des protestantischen Kirchenraumes liegt ein besonderer Ausstellungsraum für die kirchliche Kleinkunst. Hier ist derjenige Ausstellungsmodus, den ich in meinen vorhergehenden Ausführungen für die gesamte Feinmetall- und Goldschmiedekunst zur Anwendung gebracht wünschte, für einen kleinen Teil derselben zur Ausführung gekommen, und zwar in überaus effektvoller und geschickter Weise. Ein mäßig großer, korridorartiger Raum ohne direkte Tagesbeleuchtung; in den Wänden eingelassen, verglaste Schaukästen, eine Anordnung, wie man sie etwa in großen Aquarien zu sehen gewohnt ist. An der Decke dieser eingelassenen Schaukästen ist unsichtbar das elektrische Licht angebracht, so daß alle Helle scheinbar von den ausgestellten Objekten herrührt, und der Beschauer seine Aufmerksamkeit unwillkürlich von diesen gefesselt sieht. In dieser oder einer entsprechenden Art gehören Goldschmiedearbeiten ausgestellt, wenn sie wirklich gewürdigt werden sollen. Künstlerisch genommen spielten in diesem Raume die Arbeiten eines Engländers die Hauptrolle, Alexander Fisher in London. Wengleich damit das Programm einer deutschen Kunstgewerbeausstellung etwas durchbrochen ist, so darf man der Ausstellungsleitung doch Dank wissen dafür, daß sie diese ganz einzigartigen Arbeiten uns im Original zugänglich gemacht hat. – Fisher ist ein Goldschmiedekünstler, der meines Erachtens unmittelbar neben Lalique zu stellen ist, den er an Ernst und Größe der Auffassung noch übertrifft. Die Becher, Kruzifixe und und andere kirchliche Goldschmiedearbeiten, die er hier ausgestellt hat, sind ganz modern in der Form, fein, sicher, ja raffiniert in Aufbau und Farbenbestimmung. In breiter, kraftvoller Anwendung des Emails ist Fisher ein Wirtuose, der von keinem Spezialisten in diesem Fache übertroffen wird. Da ist ein Tryptichon, also ein dreifaches Bild in Kunstemaillierung: „Die Brücke des Lebens“, – ein prachtvolles Emailwerk. Wie leuchtet, wie fließt und schimmert die Farbe! Wie weich opalisiert das alles! Mit wie sicherem Geschmack sind die Steine hineingesetzt! Diese Arbeiten Alexander Fishers sind Goldschmiedewerke ersten Ranges, geschaffen von einem Manne, der als Goldschmied wie als Künstler auf der gleichen Höhe der Meisterschaft steht. – Ausgestellt sind diese Arbeiten durch die Emil Richtersche Kunsthandlung, Inhaber Herm. Holst, Dresden. – Im übrigen ist der Raum der Darstellung des Abendmahlskelches gewidmet, was wieder in meisterlicher Art gelungen ist. Es ist eine große Sammlung historisch und künstlerisch bedeutsamer Abendmahlskelche aus dem Besitze sächsischer Kirchen, zusammengestellt von Prof. Dr. Berling. Von der spätromanischen Zeit bis zum Empire ist jede selbständige Stilperiode mit einer kleinen Auswahl ausgewählter Beispiele vertreten. Man hat selten Gelegenheit, in solcher Weise an Originalen zu studieren, wie die Kunst aufeinanderfolgender Jahrhunderte sich in der Bewältigung einer immer wiederkehrenden, gleichartigen Aufgabe aussprach. Um so wertvoller muß diese Zusammenstellung für den Goldschmied sein. – Welcher Stil, welche Arbeiten hier für die moderne Produktion am wertvollsten oder anregendsten erschienen, vermöchte ich nicht zu sagen. Stärker, als die formalen Verschiedenheiten

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Unsere

Das Resultat der Konkurrenz für künstlerischen Weißjuwelenschmuck, welches wir im Verein mit dem Kunstgewerbeverein Hanau auf August d. J. ausgeschrieben hatten, ist unsern Lesern bekannt. Heute bringen wir die Arbeiten der vier preisgekrönten Autoren, auf drei Vollblättern zusammengestellt. – Der Juwelenschmuck muß immer etwas Gehaltenes, Gemessenes und Zierliches in seinem Charakter tragen. Die breite, derbe Art, welche die moderne Kunst vielfach zunächst noch an sich hat, ist daher hier wenig am Platze. Das war der Grund, warum im Wortlaut des Ausschreibens empfohlen war, sich auch der Formen der historischen Stile zu bedienen. Hierzu haben die meisten der beteiligten Zeichner die Empireund Biedermeierformen gewählt, sei es, daß sie dem Zuge der gegenwärtigen Mode folgten, sei es, daß sie richtig erkannt hatten, daß hier das Zierliche und Pikant-vornehme schon vorgebildet liege, das man für den modernen Brillantschmuck erstreben muß. – Auch Renaissance und Rokoko sind, wie auf dem Ullrichschen Blatt zu ersehen ist, beigezogen worden. Sie haben, auf Brillantschmuck angewendet, leicht etwas allzu Kräftiges und Bewegtes. – Im ganzen bieten unsere drei

der einzelnen Stilperioden, drängt sich bei längerer Betrachtung ein Gemeinsames dem Beschauer auf: Die sichere Mache und der gefestigte Geschmack, der sich in jeder Einzelheit ausspricht. Der nur formalen Kritik bieten sich auch an diesen alten Arbeiten äußerliche Fehler genug dar, die man einer modernen Arbeit nie verzeihen würde und könnte: mit Architekturformen, mit figuralen Motiven ist oft mit erstaunlicher Harmlosigkeit – Naturwidrigkeit würden wir heute sagen –, gewirtschaftet worden. Aber die Kunst der Alten bestand darin, daß sie alle Einzelheiten zusammenzuhalten wußten zu einem Gesamteindruck von naiver künstlerischer Schönheit, in dem Inkorrektheiten völlig verschwinden. Ich möchte namentlich auf die vorzügliche Erhaltung der meisten dieser Kelche aufmerksam machen; viele derselben schen aus, als wenn sie neu angefertigt wären. Das ist deswegen wichtig, weil es beweist, das nicht der Staub und die Verwitterung der Jahrhunderte die künstlerische Harmonie der alten Arbeiten hervorbringt, sondern daß der verfertigende Kunsthandwerker sie hineingelegt hat. Unmittelbar an diese Arbeiten angeschlossen, ist eine Serie moderner Arbeiten ausgestellt; darunter eine nach Entwurf des Architekten Eberhardt in Köln von der bekannten Firma Hermeling (Inhaber J. Kleefisch) vorzüglich ausgeführte Abendmahlschale. Ferner von den Juwelieren J. Th. Heinze und Ehrenlechner in Dresden ausgeführte Kelche, in Silber getrieben und mit Halbedelsteinen besetzt, nach Entwürfen von Prof. KreisDresden. Ein Abendmahlkelch von E. Kreinsen Nachf, Dresden nach Entwurf von Architekt R. Reuter, und schließlich von der württembergischen Metallwarenfabrik Geißlingen ein Abendmahlkelch und eine Patene aus versilbertem Neusilber. Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, zu studieren, welche Stellung die Werke unseres modernen Kunsthandwerkes gegenüber ausgewählten historischen Arbeiten einnehmen: Etwas härter sind unsere modernen Arbeiten noch, namentlich die in gotischen Formen gehaltenen. Aber im großen und ganzen ist der Unterschied doch erfreulich gering. Eine größere Sammlung moderner Abendmahlskelche (Einzelkelche) war noch von Generalsuperintendent Spitta zusammen und zur Ausstellung gebracht worden. Leider waren dieselben, da die elektrische Beleuchtung hartnäckig versagte, so gut wie unsichtbar, – wenigstens so oft der Schreiber dieses Sie zu Studieren versuchte. R. Ricklin.

Bilder.

Blätter jedenfalls durchaus beachtenswerte Beiträge zu Lösung der von uns gestellten Aufgabe. Es ist uns jedesmal eine besondere Genugtuung, wenn wir Arbeiten veröffentlichen können, die Zeugnis ablegen von der kunstgewerblichen Betätigung unserer Goldschmiedemeister. Eine solche Arbeit zeigen wir heute in der neuen Königskette des Paderborner Bürger-Schützenvereins, die aus der Werkstätte für kirchliche Goldschmiedekunst, von Joseph Fuchs, Paderborn, deren Inhaber in einem diesbezüglichen Wettbewerbe gesiegt hatte, hervorgegangen ist. An Stelle einer eigenen Besprechung bringen wir (im wirtschaftlichen Teil dieser Nummer) den Abdruck einer ausführlichen Beschreibung, wie sie im „Westfälischen Volksblatte“ erschienen ist. Die Abbildungen von Schülerarbeiten aus den Metallwerkstätten der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Krefeld sollen ein Beispiel geben, in welcher Weise die Kunstgewerbeschulen auf der Dresdener Ausstellung vertreten waren – nicht nur mit Papier, sondern auch mit Materialkunst. Wir werden auf die Schulabteilung auf der Dresdener Ausstellung noch in einem besondern Artikel zurückkommen. R. R.

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1–4 HERM. WINKLER, PFORZHEIM (HANAUER AKADEMIE).

5–7 W. HOMBURG, HANAU.
JE EIN III. PREIS.

AUS UNSERER HANAUER WEISSJUWELEN-KONKURRENZ.

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KÖNIGSKETTE DES PADERBORNER BÜRGER-SCHÜTZENVEREINS. ENTWORFEN UND AUSGEFÜHRT VON GOLDSCHMIED JOSEPH FUCHS, PADERBORN.

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