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drückende der Last zu sehen meint. Kronen haben eben zu allen Zeiten den Herrschern besser gestanden als den HerrScherinnen, während das einfache Diadem weiblichen Schönheiten den letzten und höchsten Effekt zu verleihen vermag. Diademe, die unendlich einfach in der Form sind und unendlich kostbar im Material, werden als künstlerische Linie immer den Vorzug haben vor einem Aufbau von Kronen und Federn und Schleiern – ob es nun jene geraden, hochstehenden Diamantenähren sind, oder die in der Mitte zu einer Spitze sich erhebenden Kopfreife, wie sie die Urform des orientalischen Diadems repräsentieren, so wenig ihre heutigen Trägerinnen das auch ahnen mögen. So reizend auch die Diamantensterne, die einzelnen Riesenperlen, die Reifen mit den fünf oder sieben oder elf einzeln aufragenden Zinken wirken können (zumal wenn das Haar, das sie krönen, in schönen Wellen – seien es nun natürliche oder modulierte – liegt), der rechte Stil liegt eben doch nur in den antiken Linien.

Unsere

Unsere heutige erste Nummer des neuen Jahrgangs bringt fast ausschließlich Entwürfe. So sehr wir sonst Wert darauf legen, durch Abbildungen ausgewählter, ausgeführter Arbeiten den Fachgenossen zu zeigen, was derzeit gemacht wird, so sehr scheint es uns andererseits von hohem Interesse, durch künstlerische Entwürfe Anregungen dafür zu geben, was gemacht werden kann, und wohin derzeit die Kompaßnadel des künstlerischen Geschmackes zeigt. Wenn der Geschäftsmann oder der Praktiker auch nicht immer in wünschenswertem Maße sich solchen Anregungen hingeben kann, namentlich und in hohem Grade nutzbringend sind sie ihm doch, um ihn vor einseitigem Sitzenbleiben auf dem einmal erwählten „Genre“ zu behüten.

Die Fachschule für die Edelmetallindustrie zu Schw. Gmünd veranstaltet jährlich Wettbewerbe, aus denen wir schon Beiträge veröffentlichen konnten, die für weitere Kreise wertvolles Material enthielten. Auch die Konkurrenz des Jahres 1905, von der uns die Direktion der Anstalt liebenswürdiger Weise eine Auswahl zur Publikation überließ, zeigt in hohem Maße selbständiges Studium und die Resultate gereiften Könnens. Für heute bringen wir nur ein Schmuckblatt, und verschieben das Weitere auf die nächsten Nummern. Die hübschen Entwürfe zeigen in besonderem Maße die moderne Vorliebe für wuchtige, klare Formen.

Auch unser zweites Schmuckblatt entstammt einer Konkurrenz: Dem Wettbewerb der „Deutschen GoldschmiedeZeitung“ zur Erlangung einfacher Schmuckmuster vom Frühjahr 1905. Auch davon steht uns noch ein reichhaltiges Material zur Veröffentlichung zur Verfügung. Die Entwürfe von Jos. Preißler-Pforzheim, welche mit einer Belobung ausgezeichnet wurden, werden der gestellten Aufgabe in geschickter Weise gerecht, ohne an Reiz der Linien- und Flächenverteilung einzubüßen.

Aber die moderne Frau ist klug. Sie weiß sehr wohl, daß zu den Modefrisuren, auf die sie schwört, zu dem Typus ihrer Schönheit, der so viel nervöser und unregelmäßiger Z11 sein pflegt als der klassische Typus, irgendeine phantastische Variation der zeitgenössischen Goldschmiedekunst meist besser paßt und zugehöriger scheint als die Wiederholung nach alten Mustern – sie stellt sich nicht gern unnötig in Vergleich mit der Venus von Kapua oder der Diana von Versailles. Sie hat genug damit zu tun, in der Konkurrenz mit so und so viel Schönen und reichen Schwestern mitzukommen, daß sie sich nicht noch unnötig in eine Konkurrenz mit der Juno Ludovici begibt, in der die Göttin ja doch Siegerin bleiben würde.

Die heutigen Diademe sind reicher, prächtiger, kostbarer als jemals, sie sind wie strahlende Glorien. Dieser Schmuck ist auch ein historischer, da seine Geschichte bis auf Alexander den Großen zurückgeht. Ada Robert.

Bilder.

Zwei weitere Blatt bringen Entwürfe und ausgeführte Arbeiten des jungen Berliner Architekten und Gewerbekünstlers Walter Ortlieb. Wir haben schon wiederholt seiner Arbeiten in diesen Blättern gedacht, so bei Gelegenheit der Stuttgarter Feinmetallausstellung und bei der Besprechung seines Schmuckwerkchens. Was wir heute von ihm bringen, und was noch in unserer Redaktionsmappe von ihm liegt, zeugt von verheißungsvoller Entwickelung. Ortlieb besitzt für die Aufgaben der Feinmetallkunst eine selbständige Phantasie, einen sichern Geschmack und im besonderen Maße materialgerechtes Empfinden. Bei den gezeichneten Entwürfen sei noch besonders auf die sichere Beherrschung der Darstellungstechnik aufmerksam gemacht: Wie wenig Mittel sind da angewendet, und wie viel ist damit erreicht!

Die große Schreibgarnitur im Empirestil, von H. Leutfeld in Bremen entworfen, der unsern Lesern ebenfalls kein Fremder ist, trägt einer Strömung des Zeitgeschmackes Rechnung, die mehr Bestand hat, als man anfangs annahm. Die vorzüglichen Entwürfe Leutfeld zeigen wohl auch den Grund zu der langeandauernden Gunst, welche sich das Empire in einzelnen Branchen der Feinmetallkunst erfreut. Es ist der Ausdruck feierlicher Pracht und vornehmer, sozusagen gesellschaftlicher Würde, in welchem die moderne Kunst noch nicht mit ihm zu wetteifern vermag. Diese besondere Eigenschaft des Empirestiles kommt in den vorliegenden Entwürfen vortrefflich zur Geltung.

Ganz modern ist wieder das Kaffee- und Teeservice, das Lorenz Hofelich in Berlin entworfen hat. Hier sucht der Künstler mit den elementarsten Formen den konstruktiven Gedanken schönheitsvoll zu umhüllen und darzustellen. Und diese Formen führen eine so bescheidene und zugleich eindringliche Sprache, daß eine durchaus harmonische Schöpfung entstanden ist. R. R.

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