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Heraldische Regeln.

Von H. G. Ströhl.

Aus der Zeitschrift „Deutscher Buch- und Steindrucker".

Der verehrte Leser darf nicht erschrecken, wenn er diese Der Buchdrucker muß allerdings in den meisten Fällen Überschrift erblickt! Er soll kein Langes und Breites über sich mit dem Materiale bescheiden, daß ihm von Seite seines die „mittelalterliche“ Kunstdisziplin der Heraldik hier aufge Auftraggebers zur Verfügung gestellt wird, oder daß er von tischt erhalten, die ja von dem ganzen Konsortium der „Mo- irgend einer Schriftgießerei oder sonstigen Klischeehandlung dernen“, den Verehrern der „gefühlvollen Linie des getretenen erhalten kann, aber wenn er in dieser Beziehung sich auch Regenwurms“, als eine sich längst überlebt habende und un nicht ganz frei zu bewegen imstande und an gegebenes gefruchtbare beiseite geschoben und in die Rumpelkammer ge bunden ist, so kann er doch, besitzt er nur ein wenig Verworfen worden ist. Ich weiß, daß diesen Kunstbeflissenen und ständnis auf heraldischem Gebiete, auf Fehlerhaftes aufmerksam Kunstverehrern schon bei dem bloßen Worte

machen, Inkorrektes oder Unpassendes zurück„Heraldik“ ein Gruseln über den Rücken läuft

weisen. Der Lithograph ist selbstverständlich und ich will deshalb mich so kurz als möglich

in dieser Beziehung viel besser daran, weil er fassen und nur das in Erinnerung bringen, was

selbst die Zeichnungen herstellt, nicht mit geunumgänglich zu wissen und zu beachten not

gebenem unveränderlichem Materiale zu hanwendig ist, wenn man sich hie und da doch

tieren hat, dafür trägt er aber auch die Vergezwungen sehen sollte, bei der alten Herolds

antwortung, wenn sein Erzeugnis nicht wie aus kunst eine Anleihe zu machen. Merkwürdiger

einem Gusse ist und Mängel zeigt, welche Unweise wird dieser so verpönte, unmoderne

wissenheit oder Nachlässigkeit dokumentieren. Motivenschatz doch öfter zur Aushilfe heran

Die folgenden Zeilen sollen nun jene Ungezogen als man es bei seiner „Antiquiertheit

richtigkeiten bei Verwendung der Wappen anerwarten sollte. – „In der Not frißt der Teufel

läßlich der Herstellung von Erzeugnissen der Fliegen“ – und so greift denn auch mancher

graphischen Kunstgewerbe, der Buch- und

Bild 1. Hypermoderner zu Schild und Helm, um irgend

Steindrucker usw., etwas näher beleuchten, die

Gotisches Maßwerk mit einem Schilde eine Symbolisierung der Zugehörigkeit kurz

der Spätrenaissance (unrichtig).

leider nur zu oft in sonst ganz vorzüglichen und deutlich festzulegen, wenn dies mit seinem

Arbeiten anzutreffen sind, die aber bei nur Rüstzeug, den Schling- und Wasserpflänzlein nicht mehr so einiger Aufmerksamkeit und Orientiertheit auf dem Gebiete der recht vonstatten gehen will. Deshalb dürfte es vielleicht auch alten Heroldskunst zu vermeiden gewesen wären. nicht ganz ohne Wert sein, wenn einiges Bemerkenswerte aus Wird ein Wappen zu irgend einer Dekoration benützt, so dem Regelbuche der Art of Heraldry, namentlich über die so ist in erster Linie zu sehen, ob es auch zum Stil des Ganzen wenig beachtete heraldische Courtoisie speziell für den Gra paßt, das heißt, demselben Stile angehört, in den die übrigen phiker hier zur gefälligen Danachachtung niedergelegt würde. Motive der Dekoration gehalten sind. Es wird jedermann zu

Eine detaillierende Lehrschrift über sämtliche heraldische geben müssen, daß man ein Renaissance-Wappen nicht in eine Grundsätze und Regeln kann natürlich hier nicht geboten gotische Dekoration aufnehmen kann und umgekehrt, weil eben

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werden; dies ginge denn doch etwas zu weit über den Rahmen dieser Zeitschrift hinaus, wer sich aber über diesen gewiß sehr interessanten Stoff, halb Wissenschaft, halb Kunst, eingehender unterrichten will, dem bietet die überreiche, heraldische Literatur genügendes Material. *) Hier soll nur in Schlagworten das allernötigste vermerkt werden, um den verehrten Leser in den Stand zu setzen, argen Versündigungen gegen den gutheraldischen Geschmack aus dem Wege gehen zu können.

*) Empfehlenswerte Lehrbücher: Wappen - Fibel von Ad. M. Hildebrandt; Katechismus der Heraldik von M. M. v. Weittenhiller; Heraldisches Handbuch von F. Warnecke; Heraldischer Atlas von H. G. Ströhl.

zur Zeit der Gotik selbstverständlich noch keine Wappen im Geschmacke der Renaissance existiert haben können. Eine solche Darstellung wäre einfach lächerlich (Bild 1). Man muß also, bevor man ein Wappen einsetzt, sich dieses etwas genauer ansehen und bestimmen, welcher Zeitperiode dasselbe angehört. Den besten Aufschluß darüber gibt die Form des Schildes und auch die des Helmes, wenn ein solcher vorhanden ist.

Der gotische Schild besitzt eine Dreiecksform und wurde in seinen verschiedenen Durchbildungen (Bild 2) vom Anfange des XIII. bis zum Beginn des XV. Jahrhunderts ge

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er

Bild 8.

führt. *) Das XV. Jahrhundert brachte den halbrunden Schild notwendig; kann er nur ein gotisches von einem Renaissance(Bild 3), welcher der Spätgotik und der Frührenaissance ange Wappen auf den ersten Blick unterscheiden, so ist dies für hörte. In der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts erscheint seinen Hausgebrauch vollkommen genügend. Für den Lithodie sogenannte Tartsche, der auf seiner rechten Seite einge graphen, der selbst ein Wappen zeichnen will, wäre dieses kerbte Schild (Bild 4). Der Ausschnitt, die Speerruhe, diente beschränkte Ausmaß von heraldischen Kenntnissen natürlich zum Einlegen der Rennstange (Turnierlanze) im „Gestech“. nicht genügend. Um den Laien in der Heroldskunst das Cha

Das XVI. Jahrhundert brachte endlich den rein ornamen rakteristische der äußern Erscheinung von Wappen aus vertalen Schild in seinen mannigfaltigen

schiedenen Stilperioden vor Augen Formen (Bild 5), der in natura nicht

zu führen, folgen auf der nächsten mehr benützt werden konnte und

Seite je drei Proben von ein und nur als Dekorationsstück Verwen

demselben Wappenbilde, die dem dung fand. Zum gotischen Dreiecks

XIV., dem XV. und dem XVI. Jahrschilde gehört der kleine Topf

hundert angehören (Bild 10 bis 15). (Bild 6) und der große Kübelhelm

Wie man aus diesen Abbildun(Bild 7), zum halbrunden Schild und Bild 5. Schildformen des XVI. Jahrhunderts.

gen ersehen kann, macht auch die den weiteren Schildformen der

Schildfigur (hier ein Adler Stech- (Bild 8) und Spangen

und ein Löwe) und die Figur helm (Bild 9).

auf dem Helme, das HelmWie man sieht, gehört

kleinod, sowie das von dem gerade nicht ein großes Quan

Helme herabfallende Tuch, die tum von Intelligenz dazu, bei

Helmdecke, dem jeweiligen einem gut und richtig ge

Stile entsprechende Wandlunzeichneten Wappen zu

gen durch. Die Helmdecke, Bild 6. Bild 7.

Bild 9. kennen, ob dasselbe der

Topfhelm.
Kübelhelm.
Stechhelm.

Spangenhelm.

welche anfangs einem kurzen Zeit der Gotik oder der Re

Mäntelchen ähnlich sah, wird naissance angehört. Eine noch nähere Zeitbestimmung ist aus dekorativen Gründen später mehrmals eingeschnitten (gewenigstens für den Buchdrucker meiner Ansicht nach nicht zaddelt, Bild 11), bis sie in der Spätzeit den Charakter eines

Tuches, das Stoffliche, allmählich verliert und sich in ein laub*) Die Wappenform des XII. Jahrhunderts, der romanischen Periode,

artiges Ornament verwandelt (Bild 12, 15). Eine Decke, die die sich übrigens auch noch in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts nachweisen läßt, kommt so selten zur Anwendi daß man hier nicht

nicht vom Helme herabfällt, sondern, wie dies öfter zu sehen näher darauf einzugehen braucht.

ist, ohne Verbindung mit einem Helme hinter den Schildrändern

ornamentartig hervorwächst, ist der Natur der Sache nach eben keine Helmdecke mehr, sondern ein nichtssagender Zierat ohne jedwede Berechtigung, der allein der Unkenntnis des betreffenden Zeichners seine Entstehung verdankt (Bild 16).

Das Helmkleinod stand in alter Zeit entweder direkt auf dem Helme oder ging bei bekleideten Halbfiguren von Menschen und von Tieren in die Helmdecke über, Figur und Decke ein und dieselbe Farbe tragend, wobei die Figur des Helmkleinodes nach jener Seite sieht, nach der auch der Helm gerichtet ist. Man sollte glauben, daß diese Richtungsgleichheit garnicht extra betont zu werden braucht, weil sich bei der Zusammengehörigkeit von Helm und seinem Kleinod dies von selbst verstehen würde, aber die Gedankenlosigkeit läßt so manches ins Leben treten, das man für ganz unmöglich halten sollte. Speziell das Wappen der Buchdrucker hat lange unter dieser sonderbaren verdrehten Aufstellung gelitten und den Eindruck gemacht, als wolle der Greif vom Helme herab und sich seitwärts in die Büsche

schlagen (Bild 17). Ebenso soll, wenn GEK

der Schild nach rechts geneigt erscheint, der Helm nicht nach links gerichtet sein,

wie solches auch mitunter zu sehen ist. Bild 13.

Bild 15.
Der Gotik (XIV. Jahrh.)
Der Spätgotik (XV. Jahrh.)
Der Renaissance (XVI. Jahrh.)

Um die Verbindungssttelle zwischen angehörende Wappenbilder. angehörende Wappenbilder.

angehörende Wappenbilder.

Helmkleinod und Helm zu maskieren, tritt

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Bild 10.

Bild 11.

Bild 12.

Bild 14.

in der Zeit der Spätgotik die Helmkrone (Bild 12) und der einem Schildbilde werden. So muß z. B. die Kette des Schwarzen Helmwulst (Bild 15) auf, die Helmkrone mit drei (in der Rundung Adler-Ordens, die im Wappen des Deutschen Reiches dem vier) Laubblättern geziert, ähnlich den alten Königskronen. Adler um den Hals gelegt ist, von dort entfernt werden, wenn

In der Frühzeit der Heraldik kennt man die Helmkrone der Reichsadler, wie dies im Wappen des deutschen Kaisers noch nicht und die bekannte Wappenrolle zu Zürich aus dem der Fall ist, in einen Schild gesetzt wird. Die Kette schlingt ersten Viertel des XIV. Jahrhunderts weist nur ein Beispiel auf sich dann außen um den Schild. Ebenso darf eine Rangkrone – Krone mit Pfauenstoß bei den Wappen von Österreich und nicht in den Schild aufgenommen werden, sondern muß auf von Kärnten und es

den Schild gesetzt werden. ist da noch sehr fraglich,

Die schwebende Kaiserob diese Krone hier nicht

krone über dem Adler des als ein Bestandteil des

Deutschen Reiches verläßt Kleinods (als eine Art

ihren Platz, sobald der Hülse des Pfauenfeder

Adler innerhalb eines busches) anzusehen ist, wie

Schildes erscheint, und dies beim Wappen der

postiert sich auf dessen Schärfenberg in derselben

Oberrand. Kronen und OrRolle (No. 53) ganz sicher

denssterne innerhalb eines der Fall ist.

Bild 16.
Bild 18.

Bild 17.

Wappenschildes sind keine Die sogenannte Rang

Helmdecke ohne Helm

Dreieckschild und Buchdruckerwappen auszeichnenden Ehrenkrone (Grafen-, Freiherren

(unrichtig).
Fürstenkrone (unrichtig). (unrichtig).

stücke, sondern gewöhnkrone usw.) darf als eine Erfindung

liche Schildfiguren wie irgend eine des XVIII. Jahrhunderts niemals mit

Rose, ein Berg, ein Balken usw. einem Wappen aus früherer Zeit in

So wie die Rangkronen, gehören Verbindung gebracht werden; es

auch die meist purpurroten, mit würde eine solche Zusammenstellung

Hermelin gefütterten Wappenmäntel auf jeden Kenner einen höchst ko

der Herzogs- und Fürstenwappen, mischen Elndruck machen (Bild 18).

oder die mit Kuppeln versehenen Die Verwendung der Rangkrone als

Wappenbaldachine, oder Pavillons Helmkrone läßt sich historisch nicht

der Regentenwappen der Spätzeit begründen und ist daher zu ver

an und es wäre deshalb fehlerhaft, meiden. Ebenso unrichtig ist die

gotische Schild- und Helmformen leider auch von Amtswegen geübte

unter diesen heraldischen PrachtPostierung der Helme auf die Perlen

stücken anzubringen. einer auf den Schild gesetzten Rang

3

Eine wichtige Rolle spielen in krone (Bild 19). Diese Übereinan

dem abendländischen Wappenwesen dertürmung zwei Kopfbe

die Farben oder Tinkturen. Die deckungen ist entschieden wider

Bild 19.

Bild 20.

Wappen aus der Zeit der lebensinnig und unschön. Die moderne Unrichtige Zusammenstellung Englisches Wappen. den Heraldik, wo noch Schild und

von Schild und Helm. englische Heraldik ist ebenfalls mit

Helm im Streit und Spiel getragen diesem Auswuchs der Ver9.

wurden, zeigen nur die r.

b. fallszeit behaftet und setzt

gr. o. ©

So. # pp.

h

Tinkturen Gold oder Gelb, die mittelalterlichen Helme

Silber oder Weiß, Zinauf die mit Hermelin ver

nober oder Menningrot, brämten und mit Gold be

Kobaltblau, Hellgrün und quasteten Rangmützen Gold od. gelb. Silb. od. Weiß. Rot. Blau. Grün. Purpur. Schwarz. Hermelin.

Schwarz, wovon gewöhnihrer Dukes, Earls usw. Bild 21. Die zeichnerischen Ausdrucksmittel für die Tinkturen.

lich zwei, höchstens drei Eine zweite heraldische

im Schilde auftreten und Sonderlichkeit der englischen Heraldik, von der man sich aber zwar so, daß die Metalle nicht auf oder neben Metalle, die in neuester Zeit endlich loszulösen beginnt, ist das Kassieren Farben (Rot, Blau, Grün und Schwarz) nicht auf oder neben des Helmes, das Beschränken auf Schild, Kleinod und Wulst. Farben gesetzt werden, weil die optische Wirkung der TinkDer Helmwulst *) mit dem Kleinod (Crest) schwebt da allein über turen im entgegengesetzten Falle leiden würde. Ein roter Hirsch dem Schilde, der Helm mit seiner Decke ist verschwunden (Bild 20). auf einem blauen Schildgrunde würde sich jedenfalls nicht so

Die deutsche Heraldik hat selbst in ihrer ärgsten Verfalls gut abheben, wie auf einem goldenen oder silbernen Grunde zeit selten auf ihren Helm und seine Decke verzichtet, weil sie und ebenso ein goldener Löwe auf einem silbernen Grunde sich ganz gut bewußt war, daß namentlich die sonst ziemlich weniger in der Entfernung bemerkbar sein, als wenn er auf nebensächliche Decke das dekorarive Element des Wappens einem roten oder blauen Grunde gemalt worden wäre. Ein bildet und ohne sie dasselbe viel an seiner ornamentalen Wir von Rot und Grün geteilter Schild besitzt nicht die klare Wirkung verlieren würde.

kung wie ein von Rot und Silber geteilter Schild. Da nun das Die im Wappen mitunter erscheinenden Ordensketten sind Wappenbild auf dem Schilde den Zweck hatte, den Träger Nebenstücke, die niemals in den Schild selbst untergebracht desselben schon in größerer Entfernung Freund und Feind werden dürfen, weil sie dort ihre Bedeutung verlieren und zu kenntlich zu machen, so resultierte daraus das heraldische *) Der englische Helmwulst ist sechsteilig und beginnt stets mit

Farbengesetz, so weit dies tunlich ist, nur Metall und Farbe dem Metalle.

auf und nebeneinander zu setzen. Heraldisches Pelzwerk, wie

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von

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