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Die Aufnahme des modernen Stils in den verschiedenen Zweigen des Feinmetallgewerbes war bekanntlich eine recht verschiedenartige. Während ihm in dem einen ein wahrer Siegeslauf beschieden war, ist seine Aufnahme in anderen bis auf den heutigen Tag eine nur sporadische und stark bestrittene gewesen. Vor allem schien sich die Fabrikation von Taschenuhrgehäusen von dem modernen Stil absolut nichts zu versprechen. In den Schaufenstern der Uhrmacherläden mochte man sich umsehen, so viel man wollte, man wurde keine, oder so gut wie keine modern gehaltenen Uhrgehäuse gewahr. Wie von so vielen Geschäftsleuten anderer Branchen, konnte man auch von dem Uhrmacher das überwiegende Urteil hören: Bei uns führt der moderne Stil sich niemals ein. Heute allerdings muß man, wenn man ehrlich sein will, gestehen, daß er sich überall, auch in der Anfertigung der Taschenuhrgehäuse, eingeführt hat.

Das ist ja auch ganz natürlich. Eine so durchgreifende Geschmackswandlung einer ganzen Kulturepoche, wie sie der moderne Stil darstellt, kann unmöglich vor den Erzeugnissen eines bestimmten Kunsthandwerkes oder einer Spezialindustrie Halt machen. Das kann nicht vorkommen und ist noch nie vorgekommen, so lange es verschiedene Branchen des Kunsthandwerks und Stilwandlungen gegeben hat. Die Änderung kann langsamer oder schneller vor sich gehen. Das hängt von den Verhältnissen in der Fabrikation ab. Aber sie muß schließlich doch immer zum gleichen Ziele führen.

Das Taschenuhrgehäuse nimmt ja, als kunstgewerblicher Gegenstand betrachtet, eine Sonderstellung ein; die Uhr wird im allgemeinen versteckt in der Tasche getragen, und meistens nur in der ersten Zeit des Besitzes, und dann wohl hauptsächlich von weiblichen und jugendlichen Besitzern, einer eingehenden Betrachtung gewürdigt. Sie kann sich also eher oder länger eine stilistische Sonderstellung erlauben als etwa ein Stück der Zimmereinrichtung oder als Schmuck.

Aber auch hier hat das seine Grenzen. Die kleine Schmuckuhr für Damen, die sichtbar in Verbindung mit Brosche oder Kette getragen wird, sollte jedenfalls in dem Stil, in der Geschmacksrichtung gehalten sein, welche für Brosche, Kette und Kleid maßgebend gewesen ist. Diese ganze Umgebung ist aber heutzutage in den meisten Fällen nicht anders als modern zu nennen.

Bezüglich der Brosche und der Kette, überhaupt vom Schmuck, braucht das wohl nicht erst bewiesen zu werden. Daß auch unsere Damenkleidung sich der modernen Kunstrichtung unterworfen haben soll, mag manchem als eine etwas verfrühte Behauptung erscheinen. Aber ein Blick in eine moderne bessere Modenzeitung genügt schon, um sich zu überzeugen, daß die Linienführung und die Ornamentik der modernen Damenkleidung sich den modernen Geschmackstendenzen in weitgehender Weise angepaßt hat. In dem neuesten Bericht der Zeitschrift „Wiener Mode“ über „Pariser Herbstmoden“ (Heft 24. 15. September 1903) kommt der Satz vor: „Mag die Toilette nun im Stil Maria Antoinettes oder in dem van de Veldes gehalten sein, sie kann immer als modern gelten, wenn nur der Geschmack nicht outriert, und jenes wichtigste Gesetz der Mode,

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die Linie, eingehalten wird.“ Dieses Betonen der Linie aber Damenuhr die Brücke für die moderne Kunst in das Gebiet ist ein durchaus moderner Grundsatz, der Grundsatz des des Taschenuhrgehäuses ist und sein wird. Auch die Herrenmodernen Stils. — Es kann somit keinem Zweifel unterliegen, uhr, wenn sie auch keiner unmittelbaren Vergleichung mit und zeigt sich ja in der Tat schon aufs Deutlichste, daß die einer andersgearteten Umgebung ausgesetzt ist, wird sich der

herrschenden Geschmacksrichtung auf die Dauer nicht verschließen können. Das kann nur eine Frage der Zeit sein. Der moderne Stil ist einmal da und wird nicht eher wieder verschwinden, als bis alle Möglichkeiten seiner Anwendung und seiner Entwickelungsfähigkeit erschöpft sind. So weit sind wir aber noch lange nicht.

So war es gewiß ein zeitgemäßes Unternehmen, daß auf Ende Juli dieses Jahres von der Deutschen Uhrmachervereinigung im Verein mit der Redaktion der Leipziger Uhrmacher-Zeitung eine Konkurrenz für UhrgehäuseEntwürfe ausgeschrieben wurde. Es sollte versucht werden, was an neuen Anregungen für eine moderne Ausgestaltung des Taschenuhrgehäuses durch die Beteiligung einer größeren Anzahl junger Künstler an dieser Aufgabe zu gewinnen wäre.

Der Wortlaut des Preisausschreibens und sein Ergebnis wurden S. Z. in der „Goldschmiede-Zeitung" bekannt gegeben, brauchen also an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden. Dagegen glauben wir, mit der Veröffentlichung der prämiierten und angekauften Entwürfe unsern Lesern einen Dienst zu erweisen.

Die mit dem ersten Preise gekrönten Entwürfe von P. Glasemann-Magdeburg zeichnen sich durch gleichmäßige künstlerische Durchbildung der Vorder- und der Rückseite aus, die bei den meisten Entwürfen vermißt werden mußte. Die Art, wie die Dekoration des Zifferblattes hauptsächlich von der Umrandung der einzelnen Ziffern ausgeht, zeugt von Geschick und selbständiger Erwägung. Die Ornamentation der Rückseite ist hübsch und originell, die Monogramme aber sind etwas dürftig.

Die Entwürfe des zweiten Preises, als deren Urheber sich Oskar Müller in Hanau herausstellte, kommen in der einfarbigen Wiedergabe leider entfernt nicht dem Reize des Originales gleich, – eine Erfahrung, die man mit Aquarellen sehr oft machen muß. Der Zeichner sieht eine Ausführung in getriebener, respektive plastisch behandelter Arbeit vor mit reichem Email. Die Dekoration der Rückseite ist jeweils durch einen Vogel oder ein Insekt gegeben, deren Körper oder Flügel in geschickter Linienführung die Fläche beleben. Erscheint so die Ausbildung der Rückseite durchaus glücklich, so

ist das weniger bei den Vorderansichten der Fall. Sie ZWEITER PREIS DER UHRENKONKURRENZ VOM AUGUST 1903: hätten ruhiger gehalten werden können; auch die ZifferEntwürfe von Oskar Müller, Hanau.

blätter vermögen kein Interesse zu erregen. R. R.

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