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ist uns überliefert, daß sie nicht nur mit den Völkerschaften, meist nur als Garnierung in Betracht. In neuester Zeit sieht die in der Gegend um das Schwarze Meer und die Kaspische man auch häufig Mützen, Kragen oder Muffen aus diesen See herum wohnten, einen schwunghaften Pelzhandel trieben, kostbaren Pelzen. Der Hermelin, dessen Tragen ehedem nur ein sondern sie verschmähten es durchaus nicht, ihren Leib in Vorrecht fürstlicher Personen gewesen, wird, seitdem es keine Felle zu hüllen, welche die lange Reise von dem hohen Norden staatliche „Kleiderordnung“ mehr gibt, von unseren Damen Germaniens bis zur Siebenhügelstadt oder bis zu Hellas' sehr bevorzugt. Das Hermelintierchen kommt zwar in der lachenden Fluren ge

ganzen gemäßigten macht. Von den ein

Zone vor, trägt hier heimischen Pelzen

jedoch nur ein dunkelmachte nur das nie

braunes bis braunes dere Volk Gebrauch.

Kleid. Je höher man Und heute? Heute

aber nach Norden besteht dieselbe Sitte.

geht, um so heller Die deutsche Dame

wird das Fell und im trägt russische und

hohen Nordsibirien nordamerikanische

ist es schließlich wähPelze; in Amerika

rend des Winters bevorzugt man die

schneeweiß gewordeutschen ebenso wie

den. Nur die Schwanzin Rußland. Zu den

spitze ist pechrabenkostbarsten Pelzwer

schwarz geblieben ken gehört unstreitig

und ruft deshalb, das sibirische Zobel

wenn das Fell zum fell, dessen Wert in

Besatz benutzt wird, der großen Feinheit

einen reizenden Effekt und Zartheit seiner

hervor. Während man Haare liegt. AußerANHÄNGER ZU GÜRTELSCHNALLEN. BROSCHEN.

früher die Pelze alldem weist das Fell

gemein so trug, daß an und für sich eine

die weiche Seite dem große Dauerhaftigkeit auf. Der Pelz bleibt immer rein, glatt Körper zugewandt war, wurde der fürstliche Hermelin nach und glänzend und behält deshalb einen dauernden Wert. Der außen gekehrt, eine Gewohnheit, der man heute fast ausZobel, eine Marderart, besitzt etwa die Größe unseres deutschen schließlich folgt. Pelzjaketts und Pelzcapes sind sehr modern, Marders, und es kommt durchaus nicht selten vor, daß ein besonders aber diejenigen von dunkler Farbe. Der Schwarz

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BOA-HALTER

BOA-HALTER

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solches Fell mit 500 Mark bezahlt wird.

fuchs mußte meistens seine Haut für diese Die schönsten Zobelfelle werden in Sibirien

beliebten Winterbekleidungsstücke hergeben. für den russischen Hof teils angekauft, teils

Da aber die Natur bei weitem nicht so viele werden sie als Steuer nach Petersburg ge

MODERNE BROSCHE.

Felle liefert, als Frau Mode braucht, mußte man liefert. Und ähnlich wie unsere deutschen

die Felle anderer Fuchsarten mit heranziehen, Fürsten bei entsprechenden Gelegenheiten

die, entsprechend gefärbt, von den echten kostbare Nadeln, Armbänder oder Uhren als Zeichen ihres Schwarzfüchsen kaum zu unterscheiden sind. Herren, die dem Wohlwollens verschenken, ähnlich verleiht der russische Zar edlen Waidwerk obliegen, bevorzugen meistens die Felle von Ehrenpelze von Zobel. Für die Damentoilette kommt der Zobel Füchsen, Bären, Wölfen und Luchsen.

H. Br.

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Moderne Künstlergoldschmiede: IV. E. Feuillâtre, Paris.

Von R. Rücklin. Die Entwickelung und Pflege der edeln Kunst des Emails Feuillâtre ist eine der interessantesten Erscheinungen ist bisher der Hauptsache nach eine Domäne französischer unter den modernen Vertretern der Emaillierkunst. Er verKünstler gewesen. Im 13. Jahrhundert und später noch waren zichtet auf jede Beihilfe der Pinselmalerei und führt seine es zwei Hauptgebiete, auf denen diese Kunst blühte: Das Arbeiten lediglich als Emailleur aus. Dessen Arbeitsgebiet deutsche, rheinische Kunstgebiet, und das französische in aber beherrscht er vollkommen und hat es ganz wesentlich Limoges. Diese letztere überdauerte und

zu bereichern gewußt. überflügelte unsere einheimische Kunst

Eugen Feuillâtre ist im Jahre 1870 in spezialität, und vom Ende des 15. Jahr

Dünkirchen (Dunkerque) geboren; seit hunderts an können wir in Limoges jene

19 Jahren arbeitet er in seiner Kunst und merkwürdige Erscheinung beobachten, daß

hat geduldig alle ihre Geheimnisse erförmliche Künstler-Dynastien entstehen,

forscht. Bis 1897 arbeitete er im Auftrage in welchen sich die Kunst des sogen.

Anderer. Mit selbständigen Arbeiten trat Limousineremails vom Vater auf Sohn

er erst im Jahre 1898 an die Öffentlichund Enkel vererbt: die Pénicaud vom

keit, wo er im Salon der französischen 15. bis zum 17. Jahrhundert, die Reymond,

Künstler mit einer Vitrine seiner Emails die Courteys, vom 16. zum 17., die Landin

vertreten war. Der Erfolg dieser Ausvom 16. zum 18. Jahrhundert. Nachdem

stellung war, daß das Musée des Arts auch diese Blüte den veränderten Zeit

decoratifs sofort eines seiner Stücke (Die verhältnissen nicht hatte Stand halten

Mohnblumen) ankaufte, und daß der können, folgte eine längere Zeit der Stag

Künstler aufgefordert wurde, an einer nation und der bloßen Nachahmung alter

Ausstellung von Werken der dekorativen Vorbilder. Am lebendigsten erhielt sich

Kunst sich zu beteiligen, welche in der dabei die Emailkunst in Paris, und seit

New Gallery zu London stattfand. Von dem Jahre 1889 etwa läßt sich dort ein

dort kam keine seiner Arbeiten zurück; frischer Zug bemerken, der schon bedeut

sie sind alle von englischen Museen und same Leistungen unter den Händen her

Liebhabern angekauft worden. vorragender Meister hat entstehen lassen.

Seine Erfolge verdankt Feuillâtre im Wer die Pariser Weltausstellung vom

wesentlichen der Vereinigung gründlicher, Jahre 1900 besucht hat, wird sich erinnern,

technischer Kenntnisse und bedeutender daß das eben Gesagte dort durch Tat

künstlerischer Fähigkeiten. Während früher sachen bestätigt war: Kein Land hatte so

fast ausschließlich auf Gold und Kupfer viele und so bedeutende Emailmalereien

emailliert wurde, verwendet er mit Vorund Kunstemaillierungen aufzuweisen, als

EMAIL-ARBEITEN

liebe Silber als metallische Unterlage. Auf Frankreich, oder genauer gesagt, als Paris

von Eugen Feuillatre, Paris.

diesem hat er jene milchigen, irisierenden allein. Da war Hirtz mit der tiefen, ruhigen (Aus „Der moderne Stil“ von Jul. Hoffmann, Töne zu finden gewußt, jene weichen, Farbenglut seiner Arbeiten, deren weiche,

Stuttgart.)

flimmernden Farben, durch welche seine schwimmende Modellierung dem durch

Erzeugnisse auf der großen Pariser sichtig-glasigen Material so vortrefflich angepaßt ist. Da war Weltausstellung auffielen. Grandhomme mit seinen vornehmen, gediegenen Leistungen, Technisch zerfallen die Arbeiten Feuillâtres in zwei Abhauptsächlich Porträts in erstaunlich großem Maßstab; außer- teilungen: In transparent emaillierte, silbergetriebene oder dem fiel de Mandre durch seine breite kecke Malweise, Alfred gravierte Arbeiten, und in solche, die in Fensteremail (Email Meyer durch seine tiefen, leuchtenden Farben auf. Die kunst à jour) ausgeführt sind. Die ersteren stellen sich meistens gewerbliche Seite des Faches, also die eigentliche Kunst- als Ziergefäße von mäßiger Größe dar, bei denen nur der emaillierung vertrat Thesmar, und, als einer der bedeutendsten eigentliche Gefäßkörper emailliert ist, und zwar stets in von allen, Eugène Feuillâtre.

durchsichtigen Tönen, so daß die Bearbeitung des Metalls,

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die entweder in flachem Relief oder nur in kräftiger Strichgravierung erfolgt, sichtbar bleibt und für den Effekt mitbestimmend ist. Fuß und Hals des Gefäßes erhalten gerne noch eine besondere Montierung in vergoldetem Silber, auf der wohl auch noch in sparsamer Verteilung Edelsteine angebracht sind. Die Dekoration ist eine vorwiegend naturalistische, deren Einzelformen vielfach der Tierwelt entlehnt sind.

Als Beispiele für seine Arbeiten in Email à jour waren auf der Pariser Weltausstellung vorwiegend große, schalenförmige Zierteller und Kassetten zu sehen. Der Körper dieser Gegenstände war aus Filigrandraht, also durchbrochen, hergestellt, oder es waren die Durchbrüche durch Aussägen aus Blech erzeugt. Die farbig leuchtende Wirkung dieser Arbeiten ist außerordentlich und erinnert an die moderner farbiger Kunstverglasungen. Dabei muß natürlich die Zeichnung eine große Rolle spielen. Bei Feuillâtre ist nun gerade die Zeichnung höchst originell, von einem Reichtum und einer Phantastik, die manchmal an orientalische Vorbilder erinnert. Mit Vorliebe verwendet der Künstler Motive, die dem Leben des Wassers und seiner Geschöpfe entlehnt sind - ein glücklicher Griff, denn es stimmt das gut zu dem schwimmenden Lichte, in welchem diese Darstellungen sich dem Auge des Beschauers darbieten. So hatte eine zierliche Kassette

als Thema: „Die Wunder des Meeres“, das bei einer großen, von getriebenen Seepferdchen getragenen Schale nochmals variiert erschien. Die Farbenstimmung ist der Hauptsache nach grünblau mit milchig opalisierenden Tönen. In der schwungvollen Zeichnung der Fischchimären wird man manchmal an unsern deutschen Meister Seder erinnert.

In der letzten Zeit war der Künstler mit Versuchen beschäftigt, das Email zur Dekoration von Arbeiten und Gegenständen größeren Maßstabes anzuwenden.

Arbeiten Feuillâtres sind in die verschiedensten Museen gelangt. Das Museum von Breslau besitzt eine Vase mit Misteldekor; das von Prag eine Wiederholung der gleichen Arbeit und eine solche mit Disteln; das Pforzheimer Kunstgewerbemuseum hat ein Ziergefäß mit Seepferdchen und andern Meergeschöpfen erworben; desgleichen haben Berlin, Stockholm, Stuttgart, Hamburg, Budapest Werke von ihm. Das Musée des Arts decoratifs in Paris hat 1898 und 1900 Erwerbungen gemacht, und endlich, was wohl als besondere Ehrung für unseren Künstler betrachtet werden darf, haben die alten Meister der Kunstemaillierung, die Japaner, seine Orchideenvase für das Museum von Tokio angekauft, wo sie unsere abendländische Emaillierkunst würdig zu vertreten bestimmt ist.

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EMAIL-ARBEITEN VON EUGEN FEUILLÂTRE, PARIS. (Aus „Der moderne Stil“ von Jul. Hoffmann, Stuttgart.

Emaillierte Kupfergefässe.

Schon einmal hatten wir auf eine neue Art emaillierter Ziergefäße hingewiesen, die von dem englisch-deutschen Maler H. Herkomer, der sich mit Vorliebe mit der Emailkunst beschäftigt, an die Öffentlichkeit gebracht worden waren. (Jahrg. 1902, H. 17, S. 244.) In unserer heutigen Nummer, deren kunstgewerblicher Teil vorwiegend der Darstellung dekorativer Emailarbeiten gewidmet ist, zeigen wir unsern Lesern emaillierte Kupfergefäße, welche wohl beanspruchen dürfen, als originelle künstlerische Neuheit bezeichnet zu werden.

Es handelt sich, wie unsere Abbildungen zeigen, um dekorativ aufgefaßte Ziergefäße, deren Körper aus Kupfer ist. Die eigenartige, auf diesem Kupferkern angebrachte Emaillierung rührt von J. Rapaport in Budapest her; der Entwurf zu der Silbermontierung stammt von Maurire Dufrène, einem

namhaften Pariser Künstler, der viel für das bekannte Pariser Kunstgewerbehaus La maison moderne arbeitet, und von dem besonders Beleuchtungskörper, Silbergeräte und Schmuck bekannt geworden sind. Er ist einer der wenigen Künstler der französischen Moderne, die sich für die gewerbliche Kunst von der Naturalistik losgemacht haben; seine strengen eleganten Linienzüge laufen in ein ganz eigenartiges Blattwerk aus, das für ihn typisch ist, und das auch auf unsere Abbildungen mehrfach wiederkehrt.

Die Ausführung der Metallteile (Silber 800 ff.), sowie die Montierung der Vasen erfolgt in der Silberwarenfabrik H. Behrnd, Dresden, welche Firma uns sowohl die Abbildungen freundlichst überlassen, als auch der Redaktion es durch Übersendung einiger Originalarbeiten ermöglicht hat, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

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In ihrem Wirkungen, das Gesamteindruck doch am letzten erinnern diese Ende von künstEmailgefäße an Terischem Gedie berühmten schmack und Ge

irisierenden schick dirigiert Ziergläser von erscheint, liegt Tiffany – New unzweifelhaft York, die man ein besonderer, ja auch öfter großer Reiz. Nain Metallfassung mentlich diejenisieht. Beispiels- gen Stellen, wo weise hat Hof- der Emailüber

goldschmied zug dünn und Schaper in Berlin durchsichtig ist eine Anzahl der- und der Kupferselben in be- ton durchschimkannter Meister- mert, wirken sehr schaft in ver- schön; es entgoldetem Silber steht da ein montiert. Unsere feuriges, irisieEmailgefäße ha- rendes, rötliches ben hiervor je- Lichterspiel, das denfalls den Vor- jedenfalls dieser zug, daß sie besonderen billiger, und vor Technik ganz al

allem, daß sie lein zu eigen ist. unzerbrechlich sind. Aber das haben beide miteinander gemein, Die Beschläge sind in matter, moderner Vergoldung gedaß jedes Stück in Bezug auf seine besondere Farben- halten und machen der ausführenden Firma alle Ehre. In der nuancierung ein Unikum ist, das man nicht zweimal herstellen Emailkunst unserer Tage macht sich unleugbar das Bestreben kann. Das hängt mit der besonderen Art der angewandten geltend, das Emaillieren künstlerisch zu heben und die enormen Technik zusammen; die Kupfergefäße werden nämlich mit dekorativen Wirkungen, deren gerade diese Technik fähig ist, mehreren verschiedenen, ineinander verlaufenden Farbtönen zu entwickeln. Es ist das eine Bewegung, analog derjenigen, emailliert und mehrfach überschmolzen, so daß dem Zufall welche der bisher üblichen Glasmalerei die moderne Kunstein verhältnismäßig großer Spielraum bleibt. Die entstehenden verglasung gegenüber gestellt und zu so ungeahnten Wirkungen Farbflecken, die Übergänge, die mehr oder weniger große gebracht hat. Die Behrndschen Gefäße bedeuten für die Durchsichtigkeit des Emailüberzugs werden bei jedem Stück Emaillierkunst einen begrüßenswerten Schritt in dieser Richtung, wieder anders ausfallen, und in diesem zufälligen Spiel der dem man den wohlverdienten Erfolg wünschen muß. R. R.

risus

Kunst und Luxus. Das ist ohne Zweifel ein Thema für eine Goldschmiede- noch verworrener gemacht, als sie normalerweise zu sein zeitung. Denn bei keinem Gewerbe wohl versteckt sich so brauchten. Einmal heißt es, jedes Surrogat sei unkünstlerisch, oft die Gleichgültigkeit und die Verständnislosigkeit für das es dürfe nur echtes für Kunstwerke zur Verwendung kommen. erstere hinter der Angst und der Abneigung vor dem Letzteren. Dann soll die Kunst wieder dem Volke mundrecht gemacht Wer für die Kunst an einem Goldschmiedewerk nichts aus- werden, und deshalb billige Erzeugnisse liefern, weil das Volk geben will, spielt sich als

sich keinen „Luxus“ leisten prinzipiellen Gegner von

kann. Erst soll der prakjedem prunkenden Luxus

tische Zweck die Hauptauf, und wer bei irgend

richtschnur fürdas Schaffen einer Gelegenheit eine

des Gewerbekünstlers abMenge Geld für einen

geben, und andererseits bloßen Luxusartikel aus

soll die Kunst die bloße gegeben hat, glaubt etwas

Nützlichkeit verschönernd für die Kunst getan zu

verhüllen. Wo die bloße haben. Tatsächlich spielen

Zweckmäßigkeit aufhört ja auch die beiden Be

und die Kunst anfängt, ist griffe in viel höherem

eine Frage für sich, die Grade ineinander, als die

wir hier nicht weiter ermeisten Menschen ahnen,

örtern wollen. Wo aber und der in den letzten Jah

die Kunst aufhört, und der ren erfolgte Umschwung

Luxus anfängt, könnte wohl in den Ansichten über die

einmal näher beleuchtet Stellung des Kunstgewer

werden. Da müßten wir bes, das viele Gerede

uns aber erst einmal darüber Materialechtheit und

über klar werden, was wir Zweckerfüllung im Kunst

unter der Bezeichnung werk, haben die Ansichten EMAIL-ARBEITEN VON EUGEN FEUILLÂTRE, PARIS.

„Luxus“ verstehen wollen. gerade über diesen Punkt (Aus „Der moderne Stil“ von Jul. Hoffmann, Stuttgart.)

Ist Luxus etwas unberech

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U

A

tigtes, etwas verwerfliches an sich ? Wir können das als Goldschmiede natürlich nicht annehmen; denn wir müssen zugeben, daß unser Stand großenteils seinen Verdienst aus Gegenständen des Luxus zieht, insofern jedenfalls, als man ja ganz wohl im stande ist, behaglich zu leben, ohne mit Werken der Goldschmiedekunst umgeben zu sein. Es ist jedenfalls ein gewisser Luxus, sich derlei zu kaufen. Andererseits wird jedermann sagen müssen, daß es eine Art gibt, Luxus zu entfalten, die unter allen Umständen verwerflich ist, und an der niemand, und der auf seinen Stand und seine Kunst stolze Goldschmied am allerwenigsten, Freude haben kann. Wir müssen aus dieser Betrachtung schließen, daß es zweierlei Arten von Luxus gibt, einen berechtigten und einen unberechtigten. Der erste ist der künstlerische Luxus, der zweite der protzenhafte. Wer die erstere Art betreibt, ist ein Mäcen, ein Förderer der Kunst, wer sich der zweiten ergibt, ist ein Protz, der wahrer Kunstübung von jeher schädlich gewesen ist.

Von künstlerischem Luxus zu sprechen, ist nicht ganz logisch. Denn jede Kunst gehört eigentlich unter den Begriff „Luxus“ im weitesten Sinne. Die Kunst - auch die Kunst im Handwerk — fängt eben immer erst da an, wo die bloße Zweckmäßigkeit aufhört. Das schon oben erwähnte Gerede, daß der Kunsthandwerker die Schönheit seiner Erzeugnisse aus ihrem Zweck herleiten müsse, ist nichts als eine doktrinäre Philosophisterei. Wie will denn ein Goldschmied die Schönheit einer Brosche aus ihrem Zweck herleiten? Eine Brosche hat überhaupt keinen praktischen Zweck. Das einzige Praktische, was sie an sich hat, ist die Nadel zur Befestigung. Und die ist für die Brosche da, aber nicht umgekehrt. Man könnte mit der gleichen Berechtigung verlangen, ein Maler solle den Inhalt seiner Gemälde von ihrem praktischen Zweck herleiten, nämlich den, daß man sie bequem aufhängen kann.

Man verstehe mich nicht falsch; ich weiß ganz genau, daß bei dem Entwurf einer Brosche sehr viel Rücksicht darauf genommen werden muß, daß sie technisch herstellbar und bequem zu tragen ist. Das sind aber bloß Beschränkungen für den entwerfenden Künstler, und keine Motive, aus denen man Formen entwickeln kann. Solange der praktisch erfahrene Zeichner sich in den Grenzen dieser Beschränkungen hält, ist er künstlerisch vollkommen frei. Seine Aufgabe ist eine eigentlich ideale zu nennen; sie hat keinen anderen Zweck, als für die Brosche diejenige Schönheit des Musters zu erfinden, welche das Auge ihres künftigen Besitzers erfreuen soll. Die Freude am künstlerisch Schönen aber ist etwas, das über die bloße Notdurft des Lebens hinausgeht, sie ist ein Luxus. Und zwar einer, der nur in Ausnahmefällen gratis zu haben ist.

Man könnte nun versucht sein, zu sagen, daß für jeden Menschen der berechtigte Luxus da aufhöre, wo er das vernünftige Maß der verfügbaren Mittel überschreite. Man sagt ja wohl, daß es Menschen gebe, denen ihr Geldbeutel die Verpflichtung auflege, Austern zu essen, während für andere aus der gleichen Quelle der Zwang erfolge, mit Kartoffeln als Zukost vorlieb zu nehmen. Aber aus den sozialen Verhältnissen kann man keine derartigen Regeln ableiten. Sehe jeder wie er's treibe. Wer viel Wert auf Kunstgenuß legt, der wird viel pekuniäre Opfer bringen, wer mehr für Tafelfreuden schwärmt, wird sein Geld in Küche und Keller anlegen. Es gibt freilich für alles das eine vernünftige Grenze, die nicht überschritten werden soll; diese aber zu ziehen, muß man den einzelnen selber überlassen.

Die Frage nach berechtigtem und unberechtigtem, nach künstlerischem und nach protzenhaftem Luxus muß vielmehr als Geschmacksfrage behandelt werden. Wie viel Geld bei der einen oder anderen Kategorie verausgabt wird, darf bei einer derartigen theoretischen Klarlegung überhaupt nicht in Betracht kommen. Die Frage muß vielmehr so gestellt werden: Ist für die jeweilige Ausgabe ein entsprechender ideeller, respektive künstlerischer Genuß gewährleistet, oder ist dies nicht der Fall? Ist die erste Bedingung erfüllt, so haben wir einen künstlerischen, also berechtigten Luxus, im gegenteiligen

Fall einen nicht berechtigten, protzenhaften. Dabei ist es sehr leicht denkbar, daß in dem einzelnen Fall der betreffende Käufer oder Eigentümer nichts weniger als protzenhafte Neigungen hat, daß er vielmehr ein persönlich bescheidener Mensch ist, der vielleicht den aufrichtigen Wunsch hat, sich einen künstlerischen Genuß zu verschaffen. Aber im Bewußtsein eines unselbständigen, schwachentwickelten und gar nicht ausgebildeten Geschmackes fügt er sich eben dem protzenhaften Geschmack der großen Masse, und kauft etwas, bei dessen Anblick er sich einbildet, einen Kunstgenuß zu haben, während er tatsächlich einen Geuuß ganz anderer Art hat. Und hier haben wir nun den Punkt erfaßt, auf den es ankommt: Wodurch unterscheidet sich der Genuß, den uns ein echtes, wenn auch noch so luxuriöses Kunstwerk bereitet, von der Empfindung, den der Gegenstand eines falschen und protzenhaften Luxus hinterläßt? Können wir uns diese Frage beantworten, so wird die gesuchte Grenze leicht zu ziehen sein.

Ich glaube, daß die Frage in folgender Art zu lösen sein wird. Beim echten Kunstgegenstand wird stets die Freude an seinem künstlerischen Wert, beim reinen Luxusobjekt die Freude an seinem Besitz das überwiegende sein, oder anders ausgedrückt, an seinem materiellen Werte. Es ist also der allgemeine, große Gegensatz zwischen Materialismus und Idealismus, der auch die Grenze zwischen Kunst und Luxus bezeichnet.

Die Freude am Besitz ist ja gewiß etwas durchaus Menschliches und Gerechtfertigtes. Ich werde einen Kunstgegenstand, der mir gehört, doppelt genießen, wenn ich es in dem bebehaglichen Gefühltue, daß ich mir den Genuß jeder Zeit und in beliebiger Ausdehnung gestatten kann. Wer aber beim Betrachten seines Besitzes bloß an seinen Geldwert denkt, und sich vorwiegend darüber freut, daß er sich so etwas leisten kann, andere Leute aber nicht, so ist das eben ein Protz, und es ist schade um jeden Kunstgegenstand, der ihm unter die Finger kommt. Dabei ist es nicht einmal nötig, daß es sich um große Geldwerte handelt. Man kann ebenso einen unberechtigten Luxus treiben mit Dingen, die sehr wenig kosten, aber so aussehen, als ob sie sehr kostbar wären. Man kann ebenso gut ein armer, wie ein reicher Protz sein.

Warum wir diese Dinge hier in der „Goldschmiedezeitung“ zur Sprache bringen? Weil nirgends die Kunst und der Wert künstlerischer Arbeit so empfindlich durch das Hervordrängen eines unberechtigten Luxus geschädigt werden, als in der Kunst des Goldschmiedes. Weil nirgends das Verhältnis dessen, was für die Kunstleistung bezahlt wird, so jämmerlich gering ist, im Verhältnis dazu, was man gern und willig für das Material anlegt. Ich will nur einmal einen bestimmten Fall herausgreifen. Welche Summen werden wohl alljährlich in unseren hohen und höchsten Kreisen für Diamanten und Perlen ausgegeben? Es wird besser sein, erst gar keine Schätzung zu versuchen. Hat man nun aber je davon gehört, daß der Versuch gemacht worden wäre, einmal einen unserer hervorragenden Künstler heranzuziehen, und, unter Auswerfung einer dem Werte des Materiales entsprechenden Summe, eine wirklich künstlerisch neue und originelle Lösung für die Fassung und Zusammenstellung der kostbaren Dinger zu finden? Ich glaube nicht, daß jemand ein Beispiel dafür anführen könnte. Man kann in letzter Zeit erfreulich oft lesen, daß der oder jener Gewerbekünstler von einer kunstliebenden Fürstlichkeit einen Auftrag erhält. Der Schmuckkünstler geht dabei leer aus; ihm wird bloß die fertige Ware abgekauft, wenn sie kostbar genug und er Hofjuwelier ist. Mit Ankäufen ist einem Kunsthandwerk aber nicht allein gedient. Das eigentlich ideell und materiell zugleich fördernde sind die Aufträge. Dadurch ist die französische Juwelierkunst groß geworden, weil sie nicht bloß zahlungsfähige Käufer, sondern verständnisvolle Auftraggeber mit vorwiegend künstlerischen, nicht rein luxuriösen Tendenzen fand. Wenn unsere deutsche Goldschmiedekunst das auch einmal in genügendem Maße gefunden haben wird, braucht uns um ihre Zukunft nicht mehr bange zu sein.

R. Rücklin.

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