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Pforzheimer Kunstgewerbeschule. Nach dem Jahresbericht für 1902 ist der Zweck der Anstalt Förderung und Hebung des Kunsthandwerks durch vielseitige theoretische und praktische Ausbildung junger Leute zu tüchtigen Arbeitern, Werkführern, Zeichnern, Modelleuren, Graveuren und Ziseleuren, wie sie die Pforzheimer Metallindustrie verlangt.

Es sind drei Jahreskurse eingerichtet; jedoch besuchen eine große Anzahl Schüler die Anstalt längere Jahre hindurch.

Die Schüler sind mit wenigen Ausnahmen außer der Schulzeit im Geschäft tätig.

Zu Gewährung von Stipendien stehen der Anstalt die Erträgnisse verschiedener Stiftungen zur Verfügung.

Das Lehrpersonal besteht aus 10 Lehrern.

Die Anstalt wurde im Jahre 1902 von 304 Schülern besucht, gegen 302 im Vorjahre.

Jahresbericht für das Jahr 1902/03 des Kunst

gewerbevereins Hanau. Der Zweck des Hanauer Kunstgewerbevereins besteht in der Hebung und Förderung des Hanauer Kunstgewerbes und in der Vertretung der Interessen desselben in allen Fragen örtlicher und allgemeiner Natur. Von den diesbezüglichen Arbeiten aus dem Berichtsjahre heben wir hervor:

Preiskonkurrenz: Von dem Bestreben geleitet, der gesamten hiesigen Edelmetallindustrie durch Vorführung einer größeren Anzahl Entwürfe moderner Gold- und Silberfabrikate neue Anregung zu geben, hat der Vorstand im Juni 1902 beschlossen, ein Preisausschreiben für deutsche und außerdeutsche Bewerber zur Einlieferung solcher in der Aufgabe genau beschriebener Entwürfe zu erlassen und zu deren Prämiierung und sonstigen Kosten der Konkurrenz einen Betrag von 1000 Mark aus dem Vereinsvermögen zur Verfügung gestellt. Der Erfolg dieses Unternehmens darf als ein vollkommener bezeichnet werden. Bei dem Zusammentritt des aus auswärtigen und hiesigen Kunstindustriellen, sowie Lehrern der Königlichen Zeichenakademie bestehenden Preisgerichts lagen nicht weniger als 115 Konkurrenzarbeiten zur Beurteilung vor. Der für Preise bestimmte Betrag von 900 Mark konnte voll zur Auszahlung gelangen, und einer weiteren Anzahl von Entwürfen wurden öffentliche Belobung zu teil.

Fabrikinspektion. Die Vereinsleitung hatte Gelegenheit, für die Interessen der Hanauer Fabrikation gegenüber der Inspektion mit Erfolg einzutreten. Ferner wurden mehrfach Bestrebungen zollpolitischer Natur unterstützt.

Ausstellung. Wir haben noch den Mitgliedern zur Kenntnis zu bringen, daß die Regierung großen Wert darauf legt, die Hanauer Industrie auf der Ausstellung in St. Louis, wenn auch nur im Anschluß an die Ausstellung der Königlichen Zeichenakademie in Kollektivform vertreten zu sehen. Sie hat in Bezug auf Bewilligung von Mitteln weitgehendstes Entgegenkommen gezeigt, so daß die aus der Teilnahme an der Ausstellung entstehenden Kosten gedeckt werden dürften. Eine Anzahl Fabrikanten hat unter diesen Umständen sich zur Teilnahme bereit erklärt, und es wäre sehr zu wünschen, daß dieses Beispiel weitere Nachahmung fände.

Der Verein besitzt 124 hiesige und 8 auswärtige Mitglieder.

Unsere Abbildungen. Unsere heutige Nummer bringt den Schluß des interessanten Aufsatzes: „Über die Kunst der Medaille“ von Rud. Bosselt-Darmstadt. Es war uns eine besondere Freude, unsere Leser zugleich mit einer Auswahl von Medaillen und Plaketten dieses Künstlers bekannt zu machen, der, wie kaum ein zweiter, etwas spezifisch Modern-Deutsches in seinem äußerlich so begrenzten, innerlich so unendlich reichen und

ausdrucksfähigen Kunstgebiete auszuprägen weiß. Es erscheint von besonderer Wichtigkeit, gerade hierauf hinzuweisen, weil kaum sonstwo das moderne Empfinden sich bis jetzt so wenig durchzusetzen vermocht hat, als in der dekorativen Kleinplastik. Was ein modernes Ornament ist, was man unter moderner Linienführung versteht, weiß nachgerade jeder. Aber wie ein figürliches Relief aufgefaßt und dargestellt werden muß, um für modern im guten Sinne des Wortes zu gelten, das ist den wenigsten klar. Mit einer in Schlangenlinien gelegten Haarflut ist es nicht getan, es handelt sich um Komposition, um Flächen- und Linienbehandlung, die im gleichen Sinne unabhängig von historischen Vorbildern ausgebildet werden sollen, wie unsere moderne Ornamentik.

Wer sich über diese Frage klar werden möchte, dem sei das eindringliche Studium unserer Abbildungen Bosseltscher Arbeiten empfohlen. Wem es möglich ist, der vergleiche diese mit einigen französischen modernen Medaillen und etwa einigen der deutschen Renaissance: Wie fein, wie modern-sensibel erscheint Bosselts Kunst gegenüber den alten Arbeiten, und wie straff, wie rassig-herb gegenüber der flüssigen Grazie der modernen Franzosen! Hat man bei diesen das Gefühl, als ob sie spielend die Oberfläche des Metalles beherrschten, so scheint Bosselt mit heißer Mühe das Metall von innen heraus zum Leben zu zwingen. Und allen formalen Einzelheiten seiner Medaillen und Plaketten, den Figuren, der Umrahmung, der Schrift merkt man es an, daß sie entstanden sind im ehrlichen Ringen einer Künstlerseele nach eigner Ausdrucksweise, nach einem fest und sicher ins Auge gefaßten Ziele.

Der nach Entwurf und Ausführung aus dem Atelier des Herrn Hofjuwelier N. Trübner in Heidelberg hervorgegangene Rennpokal ist eine sehr ansprechende Arbeit von gefälligen Verhältnissen. Die am Fuße angebrachten Delphine, der reiche Früchtekranz am obern Teil und die auf dem Deckel sich erhebende, zierliche Nachbildung der Heidelberger Schloßruine erinnern an das schöne und fruchtbare Neckartal, in dem das Werk entstanden ist.

Kaum ein anderer europäischer Staat wird gegenwärtig an reichlicher und vielseitiger Pflege des Kunstgewerbes mehr tun als Österreich-Ungarn, das seine industriellen Gebiete überall mit einem dichten Netze von Fachschulen überzogen hat, und das von der Wiener Zentralstelle aus (aus dem sog. Hoftiteltaxfonds.) Mittel bewilligt, um da und dort im Lande Konkurrenzen zu veranstalten. So hatte das „Nordböhmische Gewerbemuseum“ in Reichenberg, mit dem eine Unterrichtsanstalt verbunden ist, auf 1. Dezember 1902 eine Konkurrenz ausgeschrieben für Herstellung einer Gürtelschließe in edlem oder unedlem Metall. Wir verdanken es dem freundlichen Entgegenkommen des Redakteurs der „Mitteilungen des Nordböhmischen Gewerbemuseums", Herrn Dr. Pazaurek, daß wir die zierlichen und interessanten Arbeiten, denen die drei ausgeworfenen Preise zufielen, hier veröffentlichen können. Von der gleichen Stelle ging uns auch die hübsche Gürtelschließe des Fachlehrers Cettivon Turnau zu, die eine originelle Verwendung einer modernen Künstlerplakette zeigt.

Unsere sonstigen Textillustrationen machen sich durch die Unterschriften zur Genüge verständlich. Die beiden Leuchter mit der Jardinière von Gabr. Hermeling (J. Kleefisch) sind an anderer Stelle (vergl. Vom Büchertisch) erwähnt. Das Teeservice von J. Klinkosch in Wien fällt auf durch seine zierliche Ornamentik.

Unser Musterblatt. Unser Musterblatt vereinigt diesmal Entwürfe von drei verschiedenen Zeichnern, den Herren A. Müller, Kabinetmeister, Schw. Gmünd, H. Semmer, Zeichner, Hanau, J. Arnold, Ciseleur, Schw. Gmünd, deren Ausführung in Gold mit Emaille und Edelsteinen gedacht ist.

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